Istanbul. Aus Fußballfans werden Verfolgte

Von Markus Dichmann

Anhänger der Besiktas Istanbul-Fangruppe Carsi im Mai 2014 auf dem Taksim-Platz in Istanbul

Anhänger der Besiktas Istanbul-Fangruppe Carsi demonstrieren auf dem Taksim-Platz in Istanbul. (OZAN KOSE / AFP)

174.000 Menschen marschierten im Sommer 2013 auf den Taksim-Platz, als Carsi zu Protesten gegen die türkischen Regierung aufrief. Dafür soll die größte Fangruppe von Besiktas Istanbul nun büßen: Die Repressalien gegen Fans und Klub sind hart, 35 Mitgliedern von Carsi droht lebenslange Haft.

„Glauben Sie mir, keine NGO, keine Partei oder irgendeine andere Gruppe ist nach den Gezi-Park-Protesten mehr verfolgt worden als wir. Und das läuft immer noch. Unsere Telefone werden abgehört, uns wird aufgelauert, wir könnten sehr bald festgenommen werden, nur weil wir Ihnen dieses Interview geben.“

Der bullige, grauhaarige Mann, der das erzählt, ist einer der Köpfe von Carsi – der größten Fangruppe des Istanbuler Fußballklubs Besiktas. Er sitzt vor einem in der Szene nur allzu bekannten Cafe mitten im Stadtteil Besiktas.

„Carsi steht für Demokratie“

Es ist Spieltag, das ganze Viertel brennt für Besiktas. Und überall zu sehen: Das Logo von Carsi. Es prangt auf Schals, Jacken und Fahnen, mit einem dicken roten A in der Mitte, umrundet von einem ebenso dicken roten Kreis. Mit Anarchie habe Carsi aber nichts zu tun:

„Vor allem steht Carsi für Demokratie. Carsi setzt sich gegen die Diskriminierung von Frauen ein, gegen die Diskriminierung der Kurden. Wir sind gegen Erdogans Abtreibungspolitik, gegen seine Landwirtschaftspolitik. Wir setzen uns für die Rechte und den Schutz der Arbeiter ein, der Armen, der Landbevölkerung. Und wir haben einen Slogan: Çarşı, her şeye karşı!“

Carsi ist gegen alles – wäre die ungefähre Übersetzung. Was die Ultras letztes Jahr in den Gezi-Protesten laut und zahlenstark unter Beweis gestellt haben. Dabei ist Carsi zu Beginn seiner langen Geschichte eigentlich so etwas wie eine Nachbarschaftsorganisation gewesen.

„Wir haben Blutspende-Aktionen für den türkischen, roten Halbmond organisiert. Wir haben zu Protesten gegen den ersten Golfkrieg, und später gegen die US-Invasion im Irak aufgerufen. Wir haben Spielzeug für Kinder gesammelt und Tafeln für gemeinsame Feste von Sunni und Aleviten aufgestellt. Nie ist jemand auf die Idee gekommen uns als terroristische Vereinigung zu bezeichnen. Aber kaum waren wir bei den Gezi-Protesten, waren wir genau das: Eine terroristische Vereinigung. Ich glaube, es waren die schiere Anzahl von Menschen und unser Level an Organisation, was der Regierung Angst gemacht hat.“

„Bereit, jeden Preis zu zahlen“

Er selbst wurde bei den Demonstrationen schwer verletzt und wurde unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus – noch immer verletzt – aus seiner Wohnung geholt und festgenommen. Gegen eine horrende Kaution kam er frei und musste sich noch zum Zeitpunkt des Interviews täglich auf dem Polizei-Revier als nicht-flüchtig melden. Jetzt gehört er zu den 35 Carsi Mitgliedern, die lebenslang hinter Gittern sollen. Versuch eines Putsches lautet die Anklage.

Aber nicht nur gegen Carsi gehe die Regierung vor – sondern auch gegen ihren geliebten Klub Besiktas, meinen die Fans.

„Weil unser Stadion abgerissen und neukonstruiert wurde, sind wir für unsere Heimspiele ins Atatürk Olympia-Stadion umgezogen – da passen 50.000 Leute rein. Aber nach Ausschreitungen im Derby gegen Galatasaray wurden wir quasi eingesperrt, und zwar in das Reccep-Tayyip-Erdogan Stadion. Da passen nur 15.000 rein.“

Fast die gesamte letzte Saison musste der Verein also ausgerechnet im Reccep-Tayyip-Erdogan Stadion spielen – was auch heftige finanzielle Einbußen bedeutete. Jetzt zur neuen Saison ist das neue alte Stadion fast fertig und ein Hoffnungsschimmer für Klub und Fans. Die 35 Angeklagten aber werden möglicherweise nur wenige Spiele dort sehen können – und dann nie wieder ein Stadion betreten.

„Carsi hat immer dafür gekämpft, die Demokratie in unserem Land zu verbessern – auch während der Gezi-Proteste. Wir haben dafür viel bezahlt. Aber für diese Prinzipien sind wir bereit, jeden Preis zu zahlen.“

Quelle: Deutschlandfunk, 21.09.2014

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