Wenn Hooligans ganze Städte als Geiseln nehmen

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Von Florian Haupt

Immer am Donnerstag schreibt Florian Haupt über den internationalen Fußball. Diesmal schaut er nach Rotterdam. Dort fürchten sie nach den Krawallen der vorigen Woche die Rache der Fans des AS Rom.

Alles könnte so einfach sein – würden gewisse Leute nicht auf Reisen gehen. So aber werden am Donnerstag wieder Innenstädte abgeriegelt, Hundertschaften aufgefahren und Notverordnungen erlassen, allen voran in Rotterdam, wo es rund um den lokalen Verein Feyenoord sowieso immer hoch hergeht und diesmal außerdem Revanche zu befürchten steht: Rund 2500 Römer werden in der Stadt erwartet, eine Woche nachdem niederländische Hooligans durch das Zentrum der Ewigen Stadt marodierten.

Der Rachegedanke ist ja zentral bei diesen besonderen „Firmen“ mit dem Spezialgebiet der Stammesfehde: Irgendetwas gibt es immer zu vergelten. Nicht umsonst gründete sich Feyenoords „Legion“ vor 40 Jahren als Antwort auf Attacken englischer Anhänger von Tottenham Hotspur.

Die Londoner wiederum gastieren heute Abend in Florenz. Auch dort sind die Behörden in erhöhter Alarmbereitschaft, sie haben 1000 zusätzliche Polizisten in Stellung gebracht und ein Alkoholverbot verhängt. Wegen der Ereignisse der Vorwoche, aber auch, weil den „Spurs“-Fans ebenfalls der Sinn nach Sühne unterstellt wird. Denn bei einem der vergangenen Auftritte ihres Teams in Italien wurden einige von ihnen übel zugerichtet – von italienischen Hooligans, mitten in Rom.

So schließt sich der Kreis, aus dem es auch sechs Jahrzehnte nach Gründung des Europapokals und fast ebenso viele nach Beginn pankontinentaler Fankrawalle kein Entrinnen zu geben scheint. Geldstrafen, Platzsperren, sogar Ausschlüsse – nichts hat wirklich geholfen. Feyenoord wurde vor acht Jahren mal aus dem laufenden Wettbewerb genommen, nachdem die „Legionäre“ wie Raubritter über Nancy in Frankreich gekommen waren.

Braucht es unbedingt organisierte Auswärtsfans?

Vorige Woche ließen sie ein perplexes Rom zurück, das sich über „Barbaren“ wunderte, die, so Bürgermeister Ignazio Marino „wohl nicht einmal über die kulturellen Voraussetzungen verfügten, um zu wissen, dass sie den Brunnen eines der größten Künstler der Menschheitsgeschichte zerstörten“. Während die Randalierer ihre Geldstrafen laut Medienberichten aus der Portokasse zahlten, wird die Beseitigung der Schäden die Kommune rund acht Millionen Euro kosten.

Müssen sich wirklich ganze Städte als Geiseln nehmen lassen für diese finsteren Nebendarsteller des Fußballs? Wir erinnern uns, wie einem die Mutter als Kind in München an bestimmten Tagen verbot, mit den Freunden in die Innenstadt zu fahren, weil wieder irgendeine englische Mannschaft im Olympiastadion gastierte. Wir sehen die schwerbewaffneten Polizeieskorten an einem beliebigen deutschen Bahnhof zur Samstagmittagszeit, um möglichst jeden Kontakt ankommender Anhänger mit der normalen Bevölkerung vermeiden.

Ist es das wert? Ist eine feurige Stimmung in den Stadien wichtiger als eine zivile Stimmung auf den Straßen, und braucht es dafür immer und unbedingt auch organisierte Auswärtsfans? Überwiegt die Reisefreiheit der Einzelnen das Friedensbedürfnis der anderen? Fragen, die bei allem Eventkult und aller Überhöhung von Vereinsliebe zumindest mal diskutiert werden könnten.

Behördenversagen? Fehlende Deeskalationsstrategien?

Italiens Innenminister will jetzt in Brüssel die Einführung von EU-weiten Stadionsperren für Problemfans anregen. Davon abgesehen fällt allerdings schon auf, dass ausgerechnet in seinem Land immer so viel passiert. Vor vier Jahren, beispielsweise, provozierten serbische Fans den Abbruch eines EM-Qualifikationsspiels in Genua, und im November sorgten kroatische Anhänger für mehrere Unterbrechungen eines EM-Qualifikationsspiels in Mailand. Dabei müsste Italien angesichts seiner aggressiven Ultrakultur und mehrerer Todesfälle in den vergangenen Jahren besonders gut auch auf ausländische Extremtouristen vorbereitet sein.

Behördenversagen? Laisser-faire? Mangel an Deeskalationsstrategien? Womöglich auch einfach die Weigerung, an Fußballspieltagen die halbe Stadt preiszugeben und als Normalität zu akzeptieren, was sich immer wieder als krude Wirklichkeit herausstellt: Auch im 21. Jahrhundert gibt es noch Menschen, die sich nicht als Besucher fühlen, wenn sie auf Reisen gehen. Sondern als Eroberer.

Quelle: Die Welt, 26. Februar 2015

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