Ukrainische Hooligans: Zwischen Propaganda und Randale

Von Andrej Reisin

Fotostrecke: Stürmen, schlagen, treten

Ukrainische Hooligans haben Partien im Europapokal zuletzt mehrfach für Krawall genutzt – mit der Entschuldigung, sie seien politisch provoziert worden. Belege wurden dafür allerdings bisher kaum geliefert.

Ende Februar war in Kiew eine außergewöhnliche Begegnung zu sehen: Der französische Pokalsieger „En Avant de Guingamp“ trat in der Zwischenrunde der Europa League bei Dynamo Kiew an. Der Klub aus dem kleinen Städtchen Guingamp in der Bretagne gilt als Talentschmiede, die bereits Spieler wie Didier Drogba, Laurent Koscielny oder Florent Malouda hervorbrachte.

Außergewöhnlich wurde die Begegnung tatsächlich, allerdings auf unschöne Weise: Gut zehn Minuten vor dem Ende rennen Dutzende Dynamo-Fans in den Innenraum des Stadions undwollen den Gästeblock stürmen. Die kleine Schar französischer Anhänger flüchtet in Panik aus dem Stadion. Die Partie wird für knapp zehn Minuten unterbrochen.

Erst als Torhüter und Dynamo-Legende Alexander Schowkowski dazwischengeht, gelingt es, gemeinsam mit Ordnungshütern, die Gemüter zu beruhigen und das Spiel fortzusetzen.

„In meinen 40 Jahren als Fußballfan habe ich noch nie so eine Angst gehabt. Es war ein wilder Mob, und es ging alles in einem wahnsinnig rasanten Tempo“, berichtet der deutsche Sportautor Hardy Grüne, der im Stadion war, später im „Zeitspiel-Magazin“.

Gab es das Plakat „Die Krim ist Russland“ wirklich?

Nach der Partie werden von ukrainischer Seite Meldungen gestreut, die von der Gewaltbereitschaft der Dynamo-Anhänger und den unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen ablenken.

So verbreitet sich eine Meldung über die Nachrichtenagenturen, nach der der rechte ukrainische Abgeordnete Ihor Mossijtschuk den französischen Fans Provokation vorgeworfen habe. Diese hätten ein Plakat mit der Aufschrift „Die Krim ist Russland“ gezeigt. Auch Dynamos Vizepräsident Oleksij Semenenko äußert sich ähnlich.

In ukrainischen Medien und Fanforen heißt es dann, eine französische Trikolore sei möglicherweise für eine russische Fahne gehalten worden. Trotz einer Vielzahl von Fernsehkameras und Fotografen findet sich für die zahlreichen Behauptungen allerdings kein optischer Beleg. Auch Grüne hat vor Ort als jemand, der direkt im französischen Fanblock stand, nichts dergleichen mitbekommen.

Viele ausländische, auch deutsche Medien greifen die ursprüngliche Agenturmeldung dennoch auf. „Französische Fans provozieren in Kiew mit Plakat“, war in mehreren deutschen Medien zu lesen.

Christian Röwekamp, Sprecher der Deutschen Presseagentur dpa, verteidigt die Verbreitung der Meldung: „Die Existenz eines solchen Plakats oder einer solchen Fahne haben wir nicht als Tatsache dargestellt, sondern wir haben aufgeschrieben, dass ein ukrainischer Abgeordneter entsprechende Vorwürfe an die französischen Fans ausgesprochen hat.“ Man habe aber „versäumt, die Gegenposition zu recherchieren“, räumt Röwekamp ein.

Schon eine Reihe ähnlicher Vorfälle

Es ist nicht das erste Mal in dieser Saison, dass ähnliche Szenen in Kiew mit einer angeblichen „Provokation“ begründet werden: Bereits am 30. Juli 2014 versuchten Anhänger von Dnipro Dnipropetrowsk bei einem Champions-League-Qualifikationsspiel den Gästeblock des FC Kopenhagen zu stürmen. Die Heimspiele der Ost-Ukrainer auf europäischer Ebene sind aufgrund der instabilen Situation nach Kiew verlegt worden. Auch damals verkündeten ukrainische Offizielle, die Dnipro-Anhänger seien durch die „russische Flagge“ provoziert worden – auch für diese Behauptung lieferten sie allerdings keine Belege.

Am 11. Dezember 2014 kam es in Kiew zu schweren Zwischenfällen anlässlich der Europa-League-Partie von Dnipropetrowsk gegen den französischen Vertreter AS Saint Etienne. Dabei wurden mehrere französische Fans in einer Bar verletzt, zwei von ihnen erlitten Schädelfrakturen. In ukrainischen Medien hieß es nach den Vorfällen, die St.-Etienne-Fans hätten mitten in Kiew eine ukrainische Fahne verbrannt. Die Franzosen haben die Vorwürfe vehement dementiert.

Die Uefa zeigte sich bisher von dem Hin und Her der Meldungen unbeeindruckt: Sowohl Dnipropetrowsk als auch Dynamo wurden bestraft. Aktuell muss Dynamo Kiew eine Geldstrafe von 70.000 Euro und einen Teilausschluss der Fans im Achtelfinale verkraften. Gegen Guingamp wird dagegen nicht ermittelt.

Am Abend spielt Dnipropetrowsk in der Europa League sein Achtelfinalhinspiel gegen Ajax Amsterdam (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), in der kommenden Woche muss der FC Everton zum Rückspiel zu Dynamo nach Kiew. Auf Fahnen im Gästeblock sollten die Fans vielleicht verzichten.

Quelle: Spiegel Online, 12. März 2015

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