Klaus Theweleit bei Weimarer Reden: „All im Ball – mit Wörtern spielen“

„Mit der Formel ‚Fussball als Realitätsmodell‘ will ich sagen, dass man das, was man für die Welt hält – seine eigene Welt und die äußere – von vielen Punkten her begreifen kann.“ Klaus Theweleit sprach in der letzten der diesjährigen Weimarer Reden über die Gewaltabfuhr im Sport.

Klaus Theweleit schloss die Weimarer Reden 2015, die unter dem Thema „Die Welt als Spiel? Chancen und Risiken unserer Freiheit“ stehen. Foto: Maik Schuck
Klaus Theweleit schloss die Weimarer Reden 2015, die unter dem Thema „Die Welt als Spiel? Chancen und Risiken unserer Freiheit“ stehen. Foto: Maik Schuck

Weimar. Die vollständige Rede vonKlaus Theweleit:

Prämisse 1: Realität und Spiel

Bestimmte Parameter, die beispielsweise in der Arbeitswelt auftauchen, wie Vorschrift und Befolgung, Pünktlichkeit, Teamfähigkeit, Aufmerksamkeit für Neue-rungen etc., finden sich ebenso im Fußball: Führungsspieler, Wasserträger, strategische Unterordnung, „Kameradschaft“, Trainer-Befehlsgewalt oder gar „Truppe“.Solche Ähnlichkeiten sind nicht bloße Analogien, sondern wirkliche Parallelen, parallele Organisationsstrukturen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Wer sich in der Organisation einer Behörde, eines Industriebetriebs, einer Universität oder in den Pop-Kultur Diversitäten wirklich gut auskennt, oder aber wer sich im Universum Fußball wirklich gut auskennt – alle, die ihren Bereich durchlebt und durchdacht haben – kennen auch die anderen Organisationen, kennen damit die wirksamen Strukturen ihrer Gesellschaft. Sie können mit dem, was sie in ihren jeweiligen Bereichen gelernt haben, ohne weiteres in den anderen Bereichen arbeiten.Mit dem Wort „Modell“ arbeitet man in einer Spielwelt. Das Spiel kann so, oder auch anders, verlaufen. Zu einem Verständnis der Wechselfälle einer Gesellschaft gelangt man überhaupt nur über den Pol „Spiel“. Wenn Gesellschaften sich verändern, verschieben oder auch, wenn etwas im „Privaten“ sich entscheidend verändert, hat das immer etwas Experimentelles und, wenn es glücklich verläuft, Spielerisches an sich. Veränderndes Denken speist sich immer auch vom Spielerischen, ohne das es die Fähigkeit zur Utopie nicht gäbe.

Prämisse 2: Gewaltabfuhr

Alle Gesellschaften produzieren eine bestimmte Menge psychischer Gewalt zwischen ihren Mitgliedern, auch in Zeiten nominellen Friedens. Industrielle hoch-technifizierte Gesellschaften produzieren nicht nur Waren und ihre Umschlagplätze, Architekturen, Straßen, Wissenschaften und Technologien, sie haben auch einen hohen Output an Verhaltensweisen, Denkweisen, Gefühlslagen, Lebensformen.Dass bestimmte Wohnformen unter dem Begriff „Gewalt gegen die Körper der Bewohner“ beschrieben werden müssten, haben verschiedene Schriftsteller bemerkt.Dass bestimmte Formen der Industriearbeit auf eine Zerstörung der Körper der Arbeitenden hinausliefen, ist aus dem Frühkapitalismus, aus Sklavenarbeiten, aus Formen der Kinderarbeit und anderen Ausbeutungsverhältnissen bekannt.Dass die zivilen Formen des Zusammenlebens Gewalt produzieren können, wissen nicht nur die geschädigten Kinder. Schulen und andere Ausbildungsinstitutionen bearbeiten immer auch Gewalt; die in sie hineingetragene Gewalt und auch die in ihnen selber erzeugte.Auch in den produzierten Waren steckt ein Anteil verdichteter Gewalt. In jedem Auto z. B. steckt sowohl seine Tötungsgewalt wie auch die Gewalt seines Designs. Von seinen umweltbelastenden Ausstößen zu schweigen. Jede dieser Gewalten wirkt auf die Umwelt, sie strahlt aus. Jedes Stück Ekel-Blech, das sich raumgreifend über die Straßen bewegt, trifft design-empfindliche Menschen in ihrem Innersten. Die Wut darüber können sie aber nicht auslassen durch Tritte gegen das Blech. Sie müssen es ertragen wie auch den Anblick ihres Büromobiliars, den schlechten Schnitt von Treppenhäusern oder Eisenbahnwaggons, die Form von Fernsehern oder den Haar- und Hosenschnitt von Jugendlichen (oder Alten), obwohl all das sie andauernd „nervt“ Das Resultat ist eine unerledigte Menge diffuser Gewalt in den Körpern der Menschen: Resultat der gesellschaftlich in sie induzierten Energien und der Körperbearbeitungsformen, die sie erfahren. Außer der sozial genehmigten gelegentlichen „schlechten Laune“ haben die meisten dieser aufgestauten Gewaltkomplexe keine eingespielten verlässlichen Abfuhrbahnen. So äußern sie sich in Depressionen, Hass, Wutausbrüchen oder anderen Debalancierungen des psychischen Gleichgewichts. Guter Schlaf und das tägliche Entleeren von Darm und Blase helfen. Aber nicht für Alles.These: soweit ich sehe, geschieht die gesellschaftlich organisierte Gewaltabfuhr heute überwiegend in verschiedenen Formen des Sports; des aktiven wie des „passiven“ Sports; also durch Ausübung wie auch durchs Zuschauen; und zwar bei Männern wie bei Frauen und den Kindern auch.

Sprung nach Karlsruhe

9. März 2015:Red BullLeipzig spielt gegen den Karlsruher Sportclub; Zweitligafußball; beide mit Aufstiegsambitionen in die 1. Liga.Bericht des JournalistenChristoph Ruf:Gegen 23:30 konnte dann auchRalf Rangnick den Parkplatz vor der Karlsruher Haupttribüne verlassen, auch der Mannschaftsbus der Gäste rollte zu diesem Zeitpunkt leicht verspätet von dannen, nachdem ein Farbbeutel in Richtung Parkplatz geschleudert worden war.Vor dem Spiel hatten Karlsruher Fans das Mannschaftshotel der Leipziger aufgesucht, waren aber nicht direkt tätig geworden. Der Vorfall wird vonRangnick, ebenso wie das Blockieren des Mannschaftsbusses, als Teil einer „Drohkulisse“ gewertet.Christoph Ruf:RB ist seit seiner Gründung im Jahr 2009 Zielscheibe einer grundsätzlichen Kommerzialisierungskritik im deutschen Fußball, die in der Ultraszene geteilt wird. Daß der Red-Bull-Konzern mit immensen Finanzmitteln versucht, möglichst schnell ins internationale Geschäft zu kommen, halten die Anhänger der Traditionsvereine mehrheitlich für einen Frevel. Ärmere, aber seriös arbeitende Vereine wieMainz,Augsburg oderFreiburg drohten mittelfristig in der Zweiten Liga zu verschwinden, wenn konzernfinanzierte Zweitligaclubs wieIngolstadt oderLeipzig überhand nähmen.RBLeipzigs SportdirektorRalf Rangnick ist offenbar gerade dabei, die Rolle des offiziellen Buhmanns, der mit Industriegeld neue Vereine aus dem Boden stampft, von HoffenheimsDietmar Hopp zu übernehmen. Die schon länger auf dieser Ebene etablierten Großklubs ausWolfsburg undLeverkusen haben die „Fans“ dabei au-genscheinlich nicht im Blick. Selektive Wahrnehmung, wie bei allen Erscheinungen, in denen die jeweils „angesagte Sau“ „durchs Dorf gejagt“ wird.Dabei ist all diesen Verfolgern eins gemeinsam: Sie fahren Golf, sie schlucken Aspirin, sie benutzen die Software vonSAP – undRED BULL saufen tun sowieso alle; mit und ohne Wodka drin. „Böse“ ist im Augenblick aber vor allem „RB“. Im Gegenzug – Notwehr – bringtRangnick für Fans, die handgreiflich würden, Gefängnis-Strafen ins Spiel; in juristischen Schnellverfahren, „wie bereits praktiziert in Italien“. „Großer Protest“ bei den Fanbeauftragten, natürlich. „His Majesty, der Fan“, darf alles.Grundlage dessen ist die postulierte Wahrnehmung vom Stadion als „rechts-freiem Raum“. Diese Wahrnehmung wurde und wird unterstützt vom Anspruch der Sportverbände (nicht nur des Fußballverbands) auf ebenfalls eigene Rechtsprechung, nämlich Rechtsprechung von Sportgerichten, die – auch hier: ganz selbstverständlich – von den Verbänden in Anspruch genommen wurde und wird. DerDFB bzw. die DFL stecken in dieser selbstgebauten Zwickmühle. Die Fans (nicht nur die sog. Ultras; und nicht nur die Hooligans) nehmen ja für sich nur in Anspruch, was die Verbände selber auch tun: Sonderrechte; und zwar Sonderrechte auch im juristischen Sinn; etwa wenn sie für sich ganz selbstverständlich das Recht ungehemmter Feuerwerkerei in den Stadien für sich in Anspruch nehmen. Oder auf ihren Transparenten Gegner nicht nur beleidigen sondern körperlich bedrohen.Warum aber das Zündeln und das Abbrennen von Rauchbomben im Stadion „erlaubt“ sein soll, wo es doch außerhalb der Stadien das ganze Jahr über (außer an den Silvestertagen) im öffentlichen Raum überall (ganz selbstverständlich) verboten ist, weiß „der Geier“. Die speziellen Regeln, die für den Umkreis des organisierten Fußballspiels Geltung beanspruchen, sollen dies aber erlauben.Funktionäre (und auch ein Teil der Sportjournalisten) tun aber so, als würde man bei Verhandlungen über solche Übertretungen große „Zugeständnisse“ von den Zündelfans verlangen, wenn sie doch nur tun sollen, was für alle andern auch gilt: sich an geltende Gesetze halten. Große unschuldige Gesichter: „Wieso denn das?“ „Wir sind doch nur Fans, die ihrer Freude Ausdruck geben“. „Oder vielleicht auch des Zorns“. „Unser gutes Recht“. Was sonst.Es erinnert strukturell an den Umgang der Katholischen Kirche mit ihren Priestern. Die Kirche verhielt und verhält sich, als hätte sie das Recht zur eigenen, internen Rechtsprechung bei deren Verfehlungen. Vergleichbar verhalten sich die Fans und teils die Vereine (wenn hier auch keine dem sexuellen Mißbrauch vergleichbaren Straftaten vorliegen).Der „rechtsfreie Raum“ ums Stadion und im Stadion ist keineswegs ein kleines und schon gar kein marginales Problem. Dass eigene Regeln für das Spiel selber gelten, in die das bürgerliche Recht nicht hineinzuregieren hat, ist unbestritten – und gehört zur Substanz der ganzen Veranstaltung. So wie das bürgerliche Gesetzbuch auch für die Regeln des Skatspiels nicht zuständig ist. In der Welt des Spiels gelten die Regeln des Spiels. Bloß, was ist da, wo die beiden Welten sich überlappen. Womit wir beim Hauptproblem wären.Besonders in Gegenden, wo der Fußball einen großen Teil des öffentlichen Lebens wie auch des Familienlebens ausmacht, wie etwa in der Schalke-Kultur inGelsenkirchen oder in der BVB-Welt inDortmund, findet sich ein Großteil der Fans genau deshalb im Stadion am Samstag ein (oder in den Übertragungskneipen), weil sie die Welt der Regeln am Arbeitsplatz für ein paar Stunden oder auch das ganze Wochenende verlassen wollen.Beispiel aus einer anderen aber eben doch nicht so anderen – Kultur. Zitat:Einer der Anführer der militanten Fanklubs des Kairoer Fußballklubs Al Ahly, erklärte das einmal so: „Fußball ist größer als Politik, er ermöglicht die Flucht aus der Realität.“ Er beschrieb den durchschnittlichen Ahly-Fan als einen Mann, „der mit Frau, Schwiegermutter und fünf Kindern in einer Zweizimmerwohnung lebt, einen Minilohn verdient und auch sonst beschissen dran ist. Das einzig Gute in seinem Leben sind die zwei Stunden am Freitag, in denen er im Stadion sein Team anfeuert.So weit so gut; oder so schlecht.Eintritt in die wochenendliche Fußballwelt heißt aber oft mehr: Nicht nur Verlassen der Welt der Arbeitsbedingungen und der familialen Welt; sondern Eintritt in ein nicht exakt definiertes Reich der Übertretungen.In der Westwelt: „Ordentlich einen draufzumachen“ ist ja wohl das Mindeste. Wobei Man(n) manchmal weitergehende Programme zu erfüllen hat. etwa die, zwanzig Frauen am Wochenende flach zu legen und zwei Fässer Bier leerzusaufen, wie es ein deutscher Torhüter, tätig im englischen Profifußball, von dort – von dieser barbarischen Insel – als selbstauferlegtes Fußballerwochenendprogramm reportiert. Alles natürlich kein Scheidungsgrund. Fußballerischer Freiraum eben; rechtsfreier Raum. Der Fan in freier Wildbahn eben. (Montags dann wieder brav bei der Arbeit. Wochengespräch: Schalke, oder ManU).Daß „Fußball“ dabei oft nur der Vorwand ist zum Kreiieren eben dieser freien Wildbahn ist ebenso bekannt, wie das öffentliche Vorgeben „religiöser“ Zwänge oder Motive beim Begehen illegaler Handlungen bis hin zu Mordtaten durch jene “religiös motivierten Fundamentalisten“, die nach bürgerlichem Gesetzbuch schlicht unter „Straftaten“ fielen; und (manchmal) entsprechend verfolgt werden.Diese Sorte Fankultur hat Einiges zu verlieren, wenn das Zündeln und das körperliche Austoben, alkoholisierte Randalieren einschließlich Prügelorgien ihnen abgestellt würde; ein Rattenschwanz weiterer „abgestellter Privilegien“ würde über kurz oder lang folgen. Ein Weltuntergang! Nicht weniger.Ähnlich gebärden sich die Profivereine selber, wenn Stadtverwaltungen – wie etwa die inBremen – den Vereinen damit drohen, für die Kosten des Polizeiaufgebots am Fußballwochenende nicht mehr allein aufkommen zu wollen, sondern den Verein, in diesem FalleWerderBremen, zur Kostenbeteiligung an der Fan-Kontrolle zu bitten. Empörter Widerspruch des Vereins! So selbstverständlich lebt das Management dort in der Inanspruchnahme eines gesonderten Rechtsraums für das Fußballwesen.Haben die denn noch alle? Die Allgemeinheit soll für das Polizeiaufgebot ge-gen den Fan-Wahn aufkommen? Also auch die Leute, die den ganzen Zinnober ohnehin ablehnen? Und schon ertragen müssen, wie die fußballverstopften TV-Kanäle von ihren Gebühren mitfinanziert werden? Die Chuzpe, mit der die Fußballwelt auf ihre Sonderrechte pocht, ist schon ganz erstaunlich.Wie die Sache sich erklärt? Der partiell rechtsfreie Raum um den Fußball und seine Stadien wurde stillschweigend geduldet und sogar gehegt, solange die „Fans“ dort nicht weiter auffielen, außer durch die paar allfälligen Schlägereien und Besäufnisfolgen. In diesem Rahmen läuft das Ganze eher als Teil einer allgemeinen „Befriedungsstrategie“ von Teilen der arbeitenden und auch arbeitslosen Bevölkerung, die unter anderen Umständen womöglich anders – d. h. politisch relevant – aufmüpfig würden.Diese Befriedungs-Selbstverständlichkeit scheint momentan dabei, in die Brüche zu gehen.Als Gründe dafür sehe ich, grob gesagt, die laufenden Kriege der verschiedenen Art: sowohl die sozialen Kriege um Arbeitsplätze, Lohnkämpfe, Einwanderung, Umgang mit den Fremden und dem Fremden; die Kriege um Geldwert, Steuerverhalten, die deutsche Lage im Euro-Wesen. Wie auch die äußeren Kriege:Afghanistan,Irak,Syrien,Libyen,Mali,Kongo,Ghana,Zentralafrikanische Republik usw.So ist Pegida eine ganz direkte Folge des Flüchtlingsaufkommens aus diesen in Kriege getauchten Gebieten; Kriege, von denenDeutschland nicht mehr sagen kann, es führe sie gar nicht. Genau dieser Punkt hat sich verändert in der deutschen Wahrnehmung der letzten beiden Jahre.

Untergegangene Illusionen

Sprung nachÄgypten:Vom Persischen Golf bis zur nordafrikanischen Atlantikküste macht der Fußball dem Islam bei der Schaffung eines alternativen öffentlichen Raums seit knapp dreißig Jahren ernsthaft Konkurrenz. Als im Dezember 2010 die arabische Rebellion begann, war der Fußball bereits einer der wichtigsten zivilgesellschaftlichen Bereiche, der sich den repressiven Regimen und ihren Sicherheitsapparaten ebenso erfolgreich wider-setzte wie den militanten Islamisten.Seit etwa zwanzig Jahren läuft zwischen den Fans und den autokratischen Herrschern ein Katz-und-Maus-Spiel um die Hoheit über die Stadien. Zugleich wehren sich die Fans auch gegen die Versuche der Dschihadisten, die Jugendlichen bei ihrer Fußballbegeisterung zu packen und für ihre Sache zu rekrutieren. Offensichtlich ge-hen alle konkurrierenden Gruppen – die Fans, die Regime und die Islamisten – von der Prämisse aus, dass nur der Fußball ähnlich intensive Gefühle und eine ähnliche Opferbereitschaft bei der Mehrheit der Bevölkerung erzeugen kann wie die Religion.Vor diesem Hintergrund war es unvermeidlich, dass die staatliche Reaktion auf die Protestbewegung zuallererst den Profifußball traf. Wann immer im Nahen Osten oder imMaghreb die Massen gegen die Regierung auf die Straßen gingen, verfügte die politische Führung fast automatisch die Aussetzung des Ligabetriebs, weil sie in jedem Fußballstadion eine potenzielle Arena für oppositionelle Kundgebungen sieht.InSyrien hat das Assad-Regime schon Anfang 2011, noch bevor es gewaltsam gegen die Bevölkerung vorging, den Fußballbetrieb auf unbestimmte Zeit suspendiert. Dadurch wurden die oppositionellen Kräfte in die Moscheen zurückgetrieben: Wenn die Stadien kein öffentlicher Raum mehr sind – auch weil sie den Sicherheitskräften als Sammelstellen und Internierungszentren dienen – verlagern sich die meisten Proteste in die Moscheen, weil sich dann nur hier größere Menschenmengen versammeln können.InTunesien,Ägypten undAlgerien hatte die Aussetzung des Fußballbetriebs zur Folge, dass die oft militanten, hoch politisierten und gewaltbereiten Fußballfans statt im Stadion auf den öffentlichen Plätzen protestierten. Dort fiel ihnen häufig eine besondere Rolle zu: Sie halfen den Demonstranten, die von den neopatriarchalischen Autokraten errichtete Angstbarriere zu überwinden, die ein wichtiger Grund war, warum die Massen deren Herrschaft bis dahin schweigend und passiv hingenommen hatten.Deshalb entfalteten Fans inÄgypten bei einem der ersten Spiele nach dem Sturz von Mubarak ein Banner, auf dem sie ihre Idole kritisierten: „Wir sind euch überall hin gefolgt, aber in den harten Zeiten konnten wir euch nicht finden!“Angefügt noch diese Info:Im fußballverrücktenÄgypten befindet sich die Hälfte der 16 Erstligaklubs im Besitz des Militärs, der Polizei, einzelner Ministerien oder Provinzregierungen. Und die 22 Fußballstadien des Landes wurden von Baufirmen errichtet, die dem Militär gehören.Das interessanteste an dieser Beschreibung ist das Datum: Januar 2012. Hier, vor gut zwei Jahren, hielt es der Autor noch für möglich, dass in der Konkurrenz zwi-schen Sicherheitsapparaten des Staates, dem militanten Islamismus und der fußballverliebten Zivilgesellschaft „der Fußball“ die Oberhand behalten könnte. Das könnte heute – leider – niemand mehr sagen. Die Kraft der Fußballszene wurde über-, die des Staates unterschätzt; und die der Islamisten sowieso.

Kriegerisches, neu

Zurück nachDeutschland: Gerade die demonstrative Installierung einer Frau auf dem Posten des sog. Verteidigungsministers hat unterstrichen, dass hier jetzt ein anderer Ernst herrscht. Der blonde Engel mit der durch nichts zu erschütternden blonden Betonfrisur ist ausersehen, „den Deutschen“ klar zu machen, dass sie sich „im Krieg“ befinden, und zwar in mehr als einem. Bemerkenswert die fast einhellige Zustimmung zur Erhöhung des Militärhaushalts im Bundestag. Dieser netten Frau kann man ja nichts abschlagen.Das ganze Gerede von der „gewachsenen deutschen Verantwortung“ für die Belange der Welt – bloß weil die Wirtschaft hier ganz gut läuft oder zu laufen scheint; – dies Gerede, das die Herren Schröder undFischer in die Welt gesetzt haben, um ihren Einfluß auf den Zugang zu bestimmten Bodenschätzen in der Welt dem deutschen Militär- und Regierungseinfluß zu erhalten, ist unter der Regierung Merkel, mehr oder weniger zwangsläufig, übergegangen in die betonierte Feststellung eines Ist-Zustands. Es ist Krieg in derUkraine; es ist Krieg in TeilenAfrikas undAsiens; undDeutschland – so sehr seine „Führung“ dies zu verbergen sucht – hat die Finger im Spiel.Es ist umso mehr Krieg in derUkraine, als in der Berichterstattung über das grandiose 7:0 derBayern ausMünchen über SchachtjorDonezk in der Champions League der HerrPutin und seine Truppen ausnahmsweise nicht erwähnt wurden.Es ist Krieg; aber wir sollen glauben, es wird noch gespielt.Für dieUSA, seit dem Sieg im 2. Weltkrieg beherrscht von den Militärs (und nicht von seinen Präsidenten und deren Partei) ist der „Kalte Krieg“ nie beendet worden. Noch schärfer gesagt: es hat ihn nie gegeben. Für dieUSA haben die heißen, d.h. der 2. Weltkrieg und dann auch der Koreakrieg, nie aufgehört. Der sog. „kalte“ war ihnen immer nur die Fortsetzung des heißen mit gerade anderen Mitteln. Und wo immer es ihnen nötig erschien, haben sie den „heißen“ aufflammen lassen; oder aber under cover, mit geheimdienstmäßiger Gewalt, die gewünschten Ziele erreicht (manchmal auch nicht erreicht).Deutschlands Rolle in diesem Spiel? Nicht nur, dass die deutsche Beteiligung an der BombardierungBelgrads so etwas wie das Feigenblatt für den nicht von der UNO gedeckten Angriff derUSA aufSerbien abgab (ein durch den Außenminister J.Fischer – einen fanatischen Freizeitfußballer – höchst bereitwillig und frech aufgezogenes Feigenblatt); auch die RolleDeutschlands als nun mit einem Mal „mächtigstes Land“ innerhalb der EU bei der Ausdehnung der NATO aufPolen und die weiteren Länder an den GrenzenRusslands, kann nicht mehr übersehen werden. Oder glaubt irgendein aufmerksamer (oder auch nur irgendein dumpfer) Deutscher, dass dies ohne zustimmende BeteiligungDeutschlands so hätte vonstatten gehen können?Aus Spiel ist, wie unter der Hand, Kriegsspiel geworden.Seine lobende Rezension des Films „Futebol e vida“ -Daniel Cohn-Bendits Fußballfilm von der WM inBrasilien 2014; an der Kamera sein Sohn, der Filmema-cherNiko Apel – beschließt der PolitikwissenschaftlerClaus Leggewie mit den Worten: „Der Film bereitet schon vor auf die Pein von 2018 und 2022: Werden die Anhänger des ‚jogo bonito‘ den unumgänglichen Boykott der WM inRussland undKatar mittragen“? (taz, 10. März 2015)Das ist eine schlaue Frage, etwas verklausuliert. Sie hält den Boykott der WM’s 2018 inRussland und 2022 inKatar für unumgänglich – wegen der kriegerischen Politlagen nämlich – und fragt, ob sichBrasilien, etwas weiter weg vom Schuß, sich dem (unumgänglichen!) Boykott der europäischen Verbände anschließen wird.Fußball – gerade die Fußballwelt in ihrer Eigenschaft als größtes gesellschaftliches Parallelfeld zum Ausagieren von Konflikten, die aus der gesellschaftlich-politischen Welt stammen – ist davon nicht unberührt; kann, soLeggewie, davon nicht unberührt sein.Es ist nicht mehr die Ebene des früher so gern gezogenen Vergleichs zwischen der Figur des Kanzlers/der Kanzlerin und dem Bundestrainer, auf der die Spuren einer solchen Parallelisierung zu verfolgen wären. Auf dieser Ebene verhält sich alles sehr kontrolliert und scheinbar unberührt voneinander.Es ist vielmehr das Umfeld des ganzen „Fußballstaats“, das solche Parallelen sichtbar werden lässt. Ganz direkt: ein Teil der Fankultur führt Krieg. Ob es das Gefolge des Dresdner Fußballs ist, das dauerrandalierend durch auswärtige Stadien zieht oder Teile der Dortmunder Fanszene, die ihre Neo-Nazi-Nähe ausstellen: sie sind nicht allein auf weiter Flur. In den meisten Fußballstädten gibt es derartige, wenn auch meist sehr kleine Gruppen in der Fanszene; sie sind – mit ihrem klaren Gespür für Räume, in denen Machtvakuen vorliegen, dort hineingeströmt und nehmen nun den postuliert „rechtsfreien Raum“ der Stadienwelt für sich in Anspruch. Und die Vereine – selber um den partiellen Erhalt ihrer „Rechtsfreiheit“ kämpfend – unternehmen zu wenig oder nichts dagegen.Nicht nur im Stadion-Umkreis: wo „Salafisten“ und „Hooligans“ gegeneinan-der aufmarschieren – zwei Formationen, die ganz klar Eigengesetzlichkeit für sich reklamieren – findet sich der „rechtsfreie Raum Fußball“ in den Raum „rechtsfreie Öffentlichkeit insgesamt übertragen. Pegida und ihre Gegendemonstranten sind ziemlich deutlich ein Ableger dieses Verhältnisses.Pegida führt klar Krieg. Krieg gegen Einwanderer, Flüchtlinge und Asylsuchende, die genauso wenig einen Fuß nachDeutschland setzen sollen wie ein feindlicher Fan-Fuß sich finden soll im Bereich, in dem die BVB-Neo-Hooligans „regieren“. „Hier regiert der BVB“ war einmal ein Spruch innerhalb des Stadions, bezogen auf die Vorgänge auf dem Rasen. Der „Regierungsanspruch“ hat sich nach außen verlagert und definiert sich nicht mehr nur fußballerisch, sondern allgemein politisch.Alle Fangruppen reagieren mehr oder weniger deutlich auf diese Verschiebung der Machtverhältnisse im Umkreis der Stadien. Wenn Fans desFCSt. Pauli beim letzten Spiel im eigenen Stadion Transparente zeigen, die es wichtiger finden, dass Flüchtlinge inHamburg anständig untergebracht und behandelt werden als dass ihr Verein das Spiel gewinnt – obwohl dieser sich in akuter Abstiegsgefahr befindet – ist ein deutlich davon abweichendes Verhalten; deutlich bezogen auf gegenteilige politische Verfahren anderswo und setzt ganz andere Prioritäten.

Internet-Spiele

Treten wir kurz ein in eine andere – aber doch nicht ganz andere – Spielwelt. Ins Internet! Auf die Eingabe „Spielen“ bei google erscheint nichts zum Verb „Spielen“. Die Suchmaschine übersetzt gleich substantivisch in „Spiele“. Ganz oben erscheint: „Jetzt spielen.de“: ich klicke. Es erscheint die Angabe: 3000 kostenlose Spiele. „Jeden Tag neue online-Spiele“. „Für dich“. (Man wird geduzt auf „Jetzt Spielen.de“). 3000 Spiele mit je einem Bild, angeordnet in Sechserreihen. Erstes Spiel: „Papa Louie 3: Eisbecher greifen an“ (nicht: Eisbrecher!) Zwei: „Cooking Academy: Burger“. Drei: „Einkaufstraße (Shopping Street)“. An vier: „Kings of Fighters“, ein Ego-Shooter. Ich klicke die eins an; eine Spielanleitung erscheint. Aber ehe ich darauf richtig reagiere, schaltet sich eine Werbung ein: Gothaer Versicherungen, gefolgt von einer Riesenpizza. Pizza to Go. Bei der Cooking Academy erscheint eine Werbung für Kaffeemaschinen, dann Media Markt Telefone. Dies stellt sich als Prinzip heraus. Vor jedem neu geöffneten Spiel erscheint der Satz: „Nach der folgenden Nachricht von unserem Sponsor kannst du dieses Spiel weiter spielen“. Dann Einladung zu Lavazza Kaffee oder „Nivea, eine Creme ohne Aluminium“. Plötzlich dann eine Werbung des Internet-Versands Redcoon. Angeboten werden Geschirrspüler. Moment! Ich habe vor ein paar Tagen über google bei redcoon nach Geschirrspülern gesucht. Der Computer hat sich das offenbar gemerkt – nein, Quatsch, die Suchmaschine hat es registriert und gespeichert. Und sie schickt mich nun, mitten aus der Seite „Jetzt Spielen.de, Shopping Street“ mit einem Pfeil zurück auf die redcoon-Seite mit dem von mir vor einigen Tagen betrachteten Bosch-Geschirrspüler. Merkwürdiges Spiel. „Kings of Fighters“ bietet als Personal 9 martialisch fernöstlich aussehende Kämpferfiguren im Comic Look; sieben männlich, zwei weiblich. Dann ein Button zur Auswahl des Schwierigkeitsgrads: „Select Difficulty: Normal oder Hard“. Ein Typ mit nackten Oberarmen, rotes Piratenkopftuch, martialische Fresse, eine Art Raketenwerfer im Anschlag, gebleckte Zähne. „One Mouse Click to ‚Auto Shoot‘. Then click again to stop shoot; kill all enemies to proceed“, ist die Anweisung. „Alle Feinde töten, um weiterzukommen“. Dann knattert es los. Man soll sich beteiligen und wieder wo klicken oder drücken. Ich tue nichts und erhalte die Nachricht: „Verloren!“ „You lose! Rambo is dead!“ Spiel fertig. Wer nicht selber schießt, wird erschossen, Loser! Unten drunter eine Sechserreihe mit „Ähnliche Spiele“ und eine Werbung für den Biene Maja-Kinofilm. Namen der nächsten Spiele: Trollface Defense – My Dolphin Show 6 – Carstyling mit Harry – Tapferer Ritter – Alter Planet – Popping Pets – Shark Lifting – Hexenjagd – Klo Held – Shooting Action Massacre – Filmwerbung: Warner Bros: Gespensterjagd. 3000! Wir säßen morgen früh noch hier bloß beim Titel nennen. Das Programm solcher Häufung ist offenbar: Vollzeitbeschäftigung für Arbeitslose. Und das ist noch gar nichts. Anklicken des Links „SPIELAFFE“ bietet 12.000 Games zum Ausprobieren. Und 12.000 Werbespots. Ich stelle mir seit Jahren die Frage, was unsere Regierungen, Behörden, Schulen, Vereine etc. eigentlich unternehmen, um dieses ungeheure menschliche Potential, das durch die Umwälzungen in der Arbeitswelt nicht mehr zu festen Anstellungen gelangt und zu großen Teilen arbeitslos wird, nicht ungenutzt verkümmern zu lassen. Man müsste doch ganz neue Wege finden, all diese Menschen in vernünftige und erträgliche Beschäftigungen einzubinden, die ihnen die Chance geben, sich weiter zu entwickeln, menschlich wie intellektuell. In dieses Vakuum – es ist ein weiteres Vakuum, das die für das öffentliche Leben in Europa Zuständigen geschaffen und dann so belassen haben – in dieses Vakuum ist voll die elektronische Spiele-Industrie auf den Flügeln des Internet seit Mitte der 90er Jahre eingeströmt. Der Historiker Ulrich Herbert stellt am Ende seiner „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ die Frage: „Wann war das 20. Jahrhundert zu Ende“? Von seinen Studenten bekam er eine ganz unerwartete Antwort. „1995“ sagten sie. „Das Jahr steht für die weltweite Durchsetzung des Internets, das damals in Westeuropa etabliert wurde, und damit für den Beginn des digitalen und das Ende des analogen Zeitalters“. (S. 1238) Zeitalter, das Cheffrau Angela Merkel noch im letzten Jahr als „Neuland“ für sie (und die meisten von uns) bezeichnete. Eine Digitalwelt, die die letzten 20 Jahre genutzt hat, dort, neben vielem anderen, auch 12.000 Spiele zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen, die, u.a., dafür Sorge tragen, dass kein computerbesitzender Arbeitsloser in seinem womöglich doch langen Leben je beschäftigungslos sein wird. In den Spielpausen – man kann ja nicht immer ganz dasselbe machen – locken dann die Fußballübertragungen, locken Champions League,Europa League, die Bundesliga sowie Welt- und Europameisterschaften mit weiterem Digitalfutter, gewirkt aus dem runden Leder, das kein Leder mehr ist. Die dritten Programme übertragen auch lokalen Drittligafußball. Auch inKiel undBielefeld ist man Teil der großen Digital-Spiele-Welt. So müssen nur die, denen das Alles gar nichts sagt, Dschihadisten werden; d.h. Spielverderber mit der Waffe in der Hand. So kann man auch siegen (oder siegend untergehen). Und im Jenseits den Neustart-Knopf drücken. Insofern sind auch diese (verkappte) Digitalwelt-Bewohner, Elektronik-Spieler.

Fußball GmbH’s

Die Fußballvereine sind – das ist Ihnen allen bekannt – seit einer Weile Wirtschafts-unternehmen mit z. T. beträchtlichen Budgets und Etats. Lokal gibt es darin große Verschiedenheiten. Z. B. half bei der wundersamen Wiedererstarkung des VereinsBorussiaMönchengladbach in den letzten Jahren natürlich, dass sich auch weit über die Stadt am Niederrhein hinaus viele Menschen mit diesem Klub identifizieren. Im neuen Stadion stieg die Zuschauerzahl um 60% auf 52.000. Die Sponsoring- und Fanartikel-Erlöse wurden verdreifacht. Der Ge-samtumsatz hat sich seit 1999 auf 122 Millionen Euro fast versiebenfacht. Die Fußball-GmbH, eine 100-prozentige Tochter des Vereins, verfügt über das Stadion ebenso autark wie über Namens-, Vermarktungs-, Catering- und sonstige Rechte. Ende 2017 soll neben dem Stadion ein Neubau mit Hotel, Museum, Fanshop und Reha-Zentrum eröffnet werden. „Wir sind Herr im eigenen Haus“, sagt Schippers. Unab-hängigkeit steht als eines von mehreren Leitwörtern in der kleinen „Mitspielerfibel“, die jeder neue Angestellte bekommt – also etwa so wie früher der Konfirmand den Katechismus mit den zehn Geboten bekam; oder der FDJ‘ler sein Heftchen mit den Jugendregularien: eine Angestelltenfibel nun mit den Regeln für die RegionalkircheBorussiaMönchengladbach.Eine weltliche Kirche, selbstverständlich; wie alle vergleichbaren unternehmerischen Projekte inDeutschland rein weltliche Kirchen sind. Sie wollen keine Fundamentalisten; auch keine rein fußballerischen. Ein Fanclub, der nichts gelten ließe außerGünter Netzer, Rupp und Laumen aus der ursprünglichen „Fohlenelf“ wäre nicht im Sinne des Vereins; nicht im Sinne der Fußball-GmbH MG. Neubau, Neubauten, und zwar keine einstürzenden. Namens-, Vermarktungs-, Catering- und sonstige Rechte. All diese Einnahmen, dazu die TV-Gelder, erbringen mehr Geld als die verkauften Tickets für die Spiele. Fans, die ihre Kriege führen im und um den „rechtsfreien Raum“ Fußballstadien, will ein solcher Club absolut nicht. Sie schaden. Aber die Kriege sind da; und nur wenigen Clubs wird es gelingen, sie aus den eigenen Bereichen fernzuhalten.RBLeipzig undDynamoDresden gehören wohl nicht dazu.Es ist allerdings eine Tatsache, dass derDFB und der Fußball eine Vorreiterrolle spielen in der Förderung und beim Einbau junger Spieler nicht-deutscher Eltern in die deutschen Vereine und ins „deutsche Leben“. „Jungprofi“ heute heißt, man hat eine der Fußballschulen durchlaufen, die derDFB seit 1998 für alle Profivereine verpflichtend gemacht hat. Die Spieler Neuer, Özil, Khedira, Boateng,Hummels, Marin, Aogo standen in der U21, die bei der EM inSchweden 2005 durch ein 4:0 überEngland Europameister wurde. Das bedeutet: die etwa 20-Jährigen, die Nationalmannschaftsreif werden, spielen schon seit der U15, also seit etwa sechs Jahren in deutschen Jugendnationalteams. Geboren inDeutschland sind sie außerdem alle. Sie haben kein Problem damit, sich selbstverständlich für das deutsche A-Nationalteam zu entscheiden, wie etwa noch vor ein paar Jahren die etwas älteren Altintop-Brüder, die sich für das Land ihrer Eltern, für dieTürkei, entschieden haben. Die Qualität des jetzigen A-National-Teams hat weniger mit Migration als mit einer hochklassigen Fußballausbildung von Kindesbeinen an zu tun; eine Entwicklung, in derFrankreich undSpanien den Deutschen vorausgingen; aber jetzt ist deren Vorsprung aufgeholt.Die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung hinkt dem weit hinterher. Zeichen dafür sind Blogs aus der rechten Szene vor der WMBrasilien 2014, die dem Team von Löw als „undeutschem“ Team Niederlagen wünschten. Hier wird gar nicht mehr in der Kategorie »Spiel« gedacht, sondern gleich in der Kategorie „Krieg“: und Löw/Deutschland (=falschesDeutschland) sollen ihn verlieren. Der dann gewonnene WM-Titel war eine Niederlage für diese Typen: Sieg des Migrantismus.

Gewaltabfuhr

Das zentrale Mittel zur Abfuhr angestauter Gewalterfahrungen ist traditionell die motorische Abfuhr gewesen: jede Sorte Bewegung; besonders bei Männern. Heute joggen gleichviele Frauen wie Männer oder treten regelmäßig in die Pedalen. Aber auch das Zuschauen ist eine spezifische Form von Aktivität, physischer wie psychischer Art. Was früher für das Theater unter der Formel „Katharsis“ gefasst wurde, geschieht heute emotional vergleichbar vor dem Monitor mit der Fernsehserie oder der Fußballübertragung; mit dem Unterschied, daß der Zuschauer beim Sport in stärkerer Weise Akteur ist als er es war im Theater. Viele der Bewegungsabläufe der Akteure auf dem Schirm oder im Stadion kennt er am eigenen Leib: nämlich wenn er selber spielt, selber gegen Bälle tritt oder trat. Fußballspieler und Zuschauer bilden so etwas wie eine Reaktionsgemeinschaft zur Erregung und zur Abfuhr bestimmter Affektkonglomerate. Das Spiel – mit all seinem Brimborium drumherum – hat somit eine eminente sozialpsychologische Funktion. Mit dem weitgehenden Verschwinden der soldatisch dominierten Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg hat sich dabei ein zunehmender Respekt vor der körperlichen Unantastbarkeit auch der „niederen“ Menschen einer kulturellen Hierarchie durchgesetzt. Auch Gewaltabfuhrformen wie die schnelle Rangelei oder Prügelei inmitten einer Schulhofs- oder Kumpelgruppe – wie sie noch zu meiner Schulzeit alltäglich waren – haben ihre hohe Relevanz im Sozialverhalten eingebüßt. Der noch in den 60er Jahren verbreitete Ein- und Übergriff in die in Reichweite befindlichen Körper der Mitmenschen, wurde zunehmend zurückgebaut und ist heute selbst unter pubertierenden Jugendlichen nicht mehr die Regel; und unter zivilisierten Erwachsenen streng geächtet. In der Normalität hochtechnologisierter, institutionell ausdifferenzierter Gesellschaften sind somit fast alle alten Formen der Gewaltabfuhr bzw. Gewaltweitergabe aus dem Verhaltensrepertoire verschwunden. Zu einem hohen Grade sind sie ersetzt worden durch Spiele; durch eine Vielfalt von Spielformen. Durch die hochtechnologisierte Industrie- wie auch Agrarproduktion hat sich aber auch die direkte Zufuhr von Gewalt in die einzelnen Körper verringert; sie ist heute verdeckter, indirekter. Das heißt nicht, dass sie verschwunden wäre. Sie hat sich verwandelt. Aber sie wird gespürt. Die Ursachen neuer Ängste liegen heute eher in der Unüberschaubarkeit vieler ökonomischer, verwaltungstechnischer und technologischer gesellschaftlicher Vorgänge; in der Arbeitsplatzunsicherheit; in neu entstandenen Verhaltensformen; ein Wort wie „Mobbing“ z. B. gab es nicht im alten Abfuhrsystem. Die Behauptung, „Fußball ist Krieg“, die dem holländischen Trainer Rinus Michels zugeschrieben wird, machte lange Zeit absolut Sinn: der Fußball als (im Kern) reiner Männersport, Männerkampfsport, Körperertüchtigung (verdeckt) soldatischer Männer; ein Militärableger mit dem Ziel der untergründig fortdauernden Kampf- und Vernichtungshaltung der Gesellschaft. In den Fußballinternaten heutiger Profivereine liegt das Schwergewicht aber auf ganz anderen Dingen; nämlich auf der Entwicklung der „artistischeren“ Seiten des Spiels. Sie legen es nahe, Fußball gerade nicht als „Krieg“ zu sehen. Der selbstverständlichste Unterschied zwischen Spiel und Krieg: der überwachte Kanon des Fair Play, der Respekt der Spieler voreinander, die Anwesenheit von Schiedsrichtern, während der Terror des Kriegs prinzipiell schiedsrichterlos läuft.) Was tut Fußball? Sicherlich organisiert er einen Kampf; Kämpfe um die Herrschaft über ein bestimmtes Stückchen Erde – also genau das, worum Staaten Kriege führen. Er gibt dazu allerdings beiden Parteien ein-und-dasselbe Spielgerät in die Arena, den Ball. Dieses Spielgerät darf nicht zerstört werden. Dies ist der entscheidende Punkt bei der unkriegerischen Lösung des angepfiffenen Spiels. Beide Mann-schaften „kämpfen“ auch für die Unversehrtheit des Balles. Am Grunde des Spiels liegt für alle ihre Liebe zum Ball. Für das „All im Ball“. Zwei Typen im Trikot, die hinter demselben Ball herjagen, die sich jeden Zentimenter und jede Zehntelsekunde erkämpfen müssen, in denen sie mit dem Ball „ihr Ding“ anstellen können, das sind „You and Me“ bei der Suche nach der Lücke. Nach der Lücke für die Freiheit. „Frei zum Schuss kommen“ beinah unermeßlich, was das heißt. Deswegen ist der Aufschrei der Massen so einmütig und groß, wenn der Frei-zum-Schuß-Gekommene nicht verwandelt: Oh Gott, was für eine Vergeudung! Leben wir so im Überfluß, daß man so ein Ding vergeigen kann? Leben wir nicht!! Wir denken ökonomisch. Jedes dieser Dinger muß rein, 3:1, 4:1, egal. Der vieltausendstimmige Schrei ist immer auch eine heftige Gewaltentladung. Und eine je gelingendere, je mehr solche Dinger „drin“ sind. Das Wort „verwandeln“ trifft es genau. Ein Ball, der ins Tor geht, ist ja nicht „verwandelt“; Thomas Müller tut ihn bloß rein; der Ball ist (fast) der gleiche wie vor-her. Aber die Zuschauer sind verwandelt, die ganze Situation ist verwandelt. Der Treffer verwandelt 25.000 oder 50.000 Verzagte in 50.000 Schreiende, Hüpfende, ihr Herz in die Luft Werfende. Wo sonst gibt es soviel Verwandlung im Zivilalltag?Der Charakter solcher Entladung ist ein serieller. Fußball garantiert Fortsetzung: Neuer Anfang, Revanche und wieder Revanche. Ein fliegender Teppich, auf dem im Rhythmus der Jahreszeiten „das Leben“ spielt. Man kann dabei zusehn, wie das Aggressionspotential der Jubilierenden sich ins Nichts verduftet. Das Stadion schwebt. Nur lachende Gesichter, Umarmungen. Schlusspfiff, kollektiver Aufschrei, Zustimmungsschrei – und die Masse verströmt sich in den strahlenden Samstag. Das ist der gute – und tatsächlich auch immer wieder passierende – Ablauf des Wochenendspektakels.Entladung „Der Schrei“. Wo im alltäglichen Leben kann man seinen Mund aufreißen und einen Schrei herauslassen, der so laut ist, wie man ihn nur schreien kann und so ungehemmt, wie immer man das möchte. Sei es als Torschrei, da sowieso, oder auch als Wutschrei: »Neeeiiin, das doch nicht! Du Double!«. Ein Schrei, den Fünfzigtausend oder Zwanzigtausend im selben Moment so schreien, weil sie dasselbe gesehen haben und dasselbe empfinden; Schrei, eingebettet in die kollektive Entladungssituation. Er führt wirklich etwas ab. Die Menschen entledigen sich ihrer »Befehlsstacheln« (Canetti). Was in sie hinein gegangen ist an Vorschrift und Unterdrückung wird im emotionalen Aufwallen des gemeinsamen Agierens aus den Körpern herausgeschleudert. Fußballstadien organisieren eine Regelhaftigkeit solcher Abfuhr; sind also immer auch Orte einer ritualisierten Gewaltregulierung.Wo sonst gäbe es „den Schrei“: „Du Arsch, du blöder!“, ohne dass es eine unerlaubte oder unangemessene Übertretung wäre, ohne dass man jemanden direkt verletzte. Der Schreiende entläd sich, aber der Spieler bleibt unversehrt. Sensationierend besonders für Leute, die sonst nie herumschreien. Man schreit, man weiß, es wird nicht vergolten; Den beschimpften Spieler mag es schwer treffen. Aber er wird bezahlt; man selbst hat bezahlt. Und er hat die Chance, es das nächste Mal besser zu machen. Man merkt, mit all denen, die auch geschrien haben, dass der Schrei tatsächlich erleichtert. Es geht mehr mit hinaus, als nur die Enttäuschung der gerade vermasselten Situation.Und ist – als erlaubte Übertretung – mit Ende des Spiels wieder gelöscht. Das Stadion organisiert eine gemeinschaftliche Entladung ohne ein reales Opfer; den Spieler trifft es sozusagen symbolisch. Selbst das „du Arschloch“, das man dem Schiedsrichter zubrüllt, ist nach dem Spiel ausgelöscht, vergessen. Keinesfalls würde man es dem Herrn an den Kopf schleudern, träfe man ihn beim Abendessen in einem Restaurant oder in einem Eisenbahnabteil. Keinesfalls? Das war vielleicht einmal so. Es ist nicht mehr so. Der Herr in Schwarz, der das Spiel „verpfiffen“ hat, müsste um sein Leben fürchten, träfe er auf Fans der Benachteiligten etwa im Zug nach Hause oder an der Autobahnraststätte.Fußballspezis, die seit Jahrzehnten die Stadien besuchen, professionell oder in Fangestalt, versichern mir, das war in den 80er, 90er Jahren nicht anders; vielleicht sogar schlimmer. Nur im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gab es eine – vorübergehende – und sogar rätselhafte Abkühlung der Fangewalt, die nun wieder vorbei ist.Ich will ihnen glauben – näher am Ball als ich waren sie meistens. Ich dafür näher an einem anderen Ball. Ich nehme den „Kriegsgedanken“ noch einmal auf. Der klar beobachtbare Zug, daß bestimmte extremistische Fangruppen – so klein sie auch sind – sich nicht damit begnügen, die „Farben ihres Vereins“ oder die „Farben ihrer Region“ mit Kloppergewalt den „andern“ einzuprügeln, sondern dazu übergegangen sind, weiterreichende politische Etiketten ihren Taten anzukleben, Neonazismus und spezifisch rassistische oder religiös bzw. antireligiös definierte Etiketten. Unter zunehmend Kriegsbedingungen wird Fußball wieder Krieg. Und gerade die gewaltbereiten Fans haben den rechten Riecher dafür. Sie spüren – mit Sicherheit genauer als der normalverdängende Normalfan – daß „unser Land“ sich im Krieg befindet. Kriege führt. Das ist eine Art Freifahrtsbillett, das sie für sich selber gern lösen.Ein Teil der organisierten Meute will „dem Mann, der falsch pfeift“ ans Leder, nach dem Spiel; und auch allen anderen „Falschen“. Das Gewaltentladungsritual im Stadion funktioniert für einen Teil der „Fans“ nicht mehr. Sie wollen „Blut sehn im Realen“.Außer Kraft gesetzt werden Zivilisierungsformeln wie: „Die andern können auch Fußball spielen „…“Es kann nicht zwei Sieger geben „…“Es geht nicht immer gerecht zu auf der Welt, aber manchmal gleicht sich das aus«. „Krieg“ demgegenüber heißt, solange auf den Feind einzuschlagen oder einzuwirken, bis er sich nicht mehr rührt.Wer einen bestimmten Pegel körperlicher Gewalt in der Gesellschaft, der seinen Ausdruck und seine Betätigungsfelder sucht, als gegeben annimmt, konnte Fußball als eins der bedeutendsten Mittel benennen, an der Umwandlung dieser Gewaltpotentiale mitzuwirken. Und zwar genau eben dadurch, „immer hart an der Grenze“ zu sein und nicht etwas drüber; immer hart an der Grenze zum taktischen Foul, zum grad noch Erlaubten. Die „Grenze“ verläuft mitten durch den Zuschauer. Exakter gesagt: 95% der Zuschauer in den Stadien bekämpfen Wochenende für Wochenende erfolgreich den eigenen Hooliganismus. Als Möglichkeit liegt er in ihnen wie in den manifesten Hooligans auch. Sie schaffen es aber, diese Potenz wieder abzuschalten, wenn sie das Stadion verlassen und mit der Straßenbahn entschwinden.Die Entwicklung des Spiels in friedliche Richtungen wäre nahezu unbegrenzt; wenn die Beteiligten es wollen. Die erste grundsätzliche Verschiebung, die selbst jeder Kampfsport an der Form „Krieg“ vornimmt, ist die Verwandlung von Feinden in Gegner. Die oberste Regel des Spiels sagt, daß die körperliche Unversehrtheit des andern genau so zu schätzen und zu bewahren ist, wie die eigene. Das geschieht im Spiel durch die permanente Umwandlung von Vernichtungspotentialen in spielerische Techniken. Jedes Stückchen Technikzuwachs ist ein Stück Gewaltabbau. Ziel jedes vernünftigen Trainings ist die Erhöhung der technischen Potentiale der Spieler – gepaart mit den notwendigen Kraft- und Ausdauerpotentialen.Eine Zivilisierungsarbeit durch Erhöhung der technischen Raffinesse leisten andere Spiele zwar auch, und vielleicht sogar besser. Bloß: alle spielen Fußball. Schach, Schwimmen, Rudern, Tennis betreiben nur ein paar. Entsprechend größer das friedenstiftende Potential des Fußballs. Er stellt die größte Vereinigungskugel. Der Tennisball die individuellere. Auch gut. Auch zwanzig gelungene Volley Stops erleichtern den Körper von einer Reihe lastender Beschwerden. Es schreien aber keine 50.000 unisono. Und den Millionenschrei am Fernseher kann man sich höchstens vorstellen; er ist kein vergleichbarer physischer Akt wie der „stadium roar“. Wie eine Meeresbrandung, bemerkte NickHornby. Deren Läuterungspotential ist auch ganz ordentlich.Auf Vereinsseite ist es der größte Beitrag des Fußballs zur allgemeinen Zivilisierung der Umgangsformen in den letzten fünfzehn Jahren, dass die Sensenspieler zunehmend keine Verwendung mehr finden und also nicht nachgezüchtet werden. Die technischen Spitzenspieler müssen durch ebenso technische Deckungsspieler ausgeschaltet werden, nicht durch Kloppen auf die Knochen.Unschätzbar groß dabei ist die Rolle des Fernsehens. Ohne die Wiederholung von Spielzügen im TV, ohne Zeitlupeneinspielungen, angehaltenes Bild in Großaufnahme, ohne Ballberührungsstatistiken, Zählung gewonnener Zweikämpfe, Aufbereitung strittiger Abseitspositionen und vieles Weitere auf dieser Schiene, wäre der Kompetenzblick des Publikums niemals so weit entwickelt worden, wie er es heute ist. Wobei das Fernsehen in großem Maß Frauen als Zuschauer erschlossen hat; mehr als es die „Tatsache Frauenfußball“ allein gekonnt hätte. Die Analyse von wiederholten TV-Aufzeichnungen hat das Wahrnehmungsniveau der Zuschauer überall deutlich angehobenDer schönste Abfuhr- und Verwandlungsvorgang im Stadion ist aber noch nicht benannt: die Entladung durch Erhebung, durch Schönheit. Ein von beiden Mannschaften auf hohem Niveau geführtes Spiel steckt die Zuschauer an und verwandelt sie – Gewinner wie Verlierer – von konkurrenten Einzelwesen in enthusiastische Anhänger von Schönheit. Nicht „work in progress“, sondern „beauty in progress“. Jeder im Stadion lechzt nach schönen Spielzügen, und seien es die des Gegners. In der Überführung von Geacker in ein ästhetisches Erlebnis verwandelt sich das Stadion in genau den Kultort, der die religiösen Kathedralen für die meisten Zuschauer nicht sind. Man möchte nicht gern ohne dieses Erlebnis nach Hause; der kostbare Samstagnachmittag wäre ein halb vergeudeter und man selbst nur ein halb fertiggestelltes Kunstwerk; achtlos weggeworfen vom Künstler als irgendwie mißlungen. Gelingt das Werk aber, dann entsteht diese seltene Zusammenarbeit von Spielern und Publikum, die beide gleich stark erleben: die Gewißheit, die Welt um ein Stück Schönheit erweitert zu haben; eine Schönheit von allerdings sehr flüchtiger Dauer, wie Live Music. Geduldig wartet sie auf den Moment ihres nächsten Eintritts; dies aber in Permanenz.

Akzentverschiebung

In den Sechzigern, Siebzigern und auch noch zum Teil in den Achtzigern waren fast alle sprachlichen Äußerungen gesellschaftlich dissidenter hier aufgewachsener Menschen auf einen politischen Hintergrund bezogen. Die eigenen Lebensentwürfe waren – um sich von den kontaminierten der Elterngeneration abzugrenzen – zwangsläufig utopisch codiert. Jedes alltägliche Detail wurde auf seinen Bezug zu einem besseren Leben befragt. Das war für sehr viele Intellektuelle und Künstler auch ein Spielfeld – gespielt im Feld: „Ich denke mir andere Gesellschaftsmodelle aus“. Womit „der Alltag“ systematisch überfordert war.Die Entwürfe erwiesen sich nach und nach als wenig „lebbar“. So hat das öffentliche Sprechen sich von ihnen entfernt. Mit dem Wegfall des eisernen Vorhangs und der Überbetonung des „Siegs des Westens“ verschwand der Bezug dieser Sprachtopographien und Denkmodelle auf real existierende politische Syste-me. Der politischen Großrede, in der man von der eigenen revolutionären Verwandlung sprach, wurde der Boden entzogen. Zu groß war die Ernüchterung angesichts des schon in den 50ern vonAlbert Camus konstatierten Umschlags so vieler Revolten ins Reaktionäre. Die Verwandlungen einesJoschka Fischer zu einem reaktionären Militärbefürworter überraschten nicht mehr wirklich, sie ödeten nur an. Öffentliches Sprechen, soweit es aufrichtig ist, ist bescheidener geworden seitdem. Das Weichen der Großrede hat das Feld geöffnet für Reden auf einem weniger aufgeladenen Niveau, auf einem Pop-Niveau (das seine Aufgeladenheit dann allerdings heftig nachgeholt hat). Die Rede über Fußball profitierte von dieser neuen Spannungslage. Sie besetzte frei gewordene Kraftfelder im Diskursiven. Man kann das als ein Stück allgemeiner Zivilisierung ansehen. Es ist angenehm, dass nicht mehr jede/r in jeder Diskussion glaubt, dem Gegenüber erklären zu müssen, wie die Welt läuft; wie die Fußball-Welt läuft kann etwas entspannter diskutiert werden.

Das moderne Spiel. Digitalisierung

“Schnelle Ballstaffetten sind deshalb ein zentrales Kennzeichen, an dem wir das moderne Spiel erkennen“, schrieben die Fußballtheoretiker Christoph Biermann/Uli Fuchs in ihrem Buch Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann. Das galt so bis ca. 2012; bis spanische Mannschaften wie Barcelona, die als höchste Verkörperung dieser Spielweise galten, mit einem Male nicht mehr unschlagbar schienen; Barcelona begann zu verlieren, das spanische Nationalteam folgte nach. „Tiki Taka“, wie diese Spielweise bald genannt wurde, der schnellen Ballberührungen wegen, galt mit einem Mal nicht mehr als der letzte Schrei. Es wurde etwas heruntergestuft zu „einem Mittel unter anderen“; behielt im Grunde aber seine Dominanz. Hinzugefügt wurde nur der überfallartige schnelle steile Gegenstoß, der die Lücke in der aufgerückten Viererkette findet und eine noch stärkere offensive Ausrichtung der Außenverteidiger, die seitdem mit Qualitäten von Außenstürmern ausgestattet sein sollten. Was unterschied den schnellen Ballstaffettenfußball von den vorherigen Spielweisen? Die Ballstaffetten waren und sind mehr als bloße effektivere Raumüberwindung. Often gelten sie gar nicht einem sichtbaren Raumgewinn. Sie können quer über den Platz gehen, sie können zurück gehen, jede Ballberührung und Weitergabe bedeutet auch: Der Gegner ist nicht am Ball. Ballbesitzfußball wurde das auch genannt. Das geflügelte Wort vom „Schwindlig-Spielen“ ging vom Einzelspieler auf das Kombinationsspiel einer Mannschaft über: den Gegner ins Leere laufen lassen, indem man immer schon schneller abspielt als man angegriffen werden kann. Bei diesem schnellen Abspiel entstehen Linien auf dem Feld, die, würde man sie sichtbar machen, eher ein dichtes Netz oder Geflecht von Linien ergeben würden, als die langen geometrischen Linien des alten Flugballspiels à la Johann Cruyff. Dort entstanden Tangenten, Dreiecke, lange Rechtecke, eine geometrische Mathematik auf dem Feld. Die schnellen Ballstaffetten des moderneren Spiels zeichnen keine geometrischen Formen, sondern Netzformen über den Rasen. Auf den Linien solcher Netze wird der Ball sozusagen nach vorn billardisiert, nach vorne gerastert könnte man auch sagen. Erst im letzten Moment, dem Moment des sog. „tödlichen Passes“, wo eine Lücke in der gegnerischen Abwehr entdeckt ist, wird er schnell in diese hinein abgespielt. Diese Endstation des Balls muß keineswegs die traditionelle „Sturmspitze“ sein; Mittelfeldspieler oder Verteidiger gehen genauso. Ein Spieler, der die Schwachstellen im Netz des Gegners mit seinen Wahrnehmungskapazitäten erspürt, wird dadurch wertvoller als der Typ des bloßen Ackerers. Die gute oder schlechte Leistung eines Spielers bestimmt sich dann dadurch. wie gut oder schlecht seine Spielwahrnehmung sich in die der ganzen Mannschaft fügt. Seine Aufgaben sind deutlich komplexer geworden. Mir erschien das schon vor Jahren als eine Verschiebung zu einer Art digitalen Anlage des Spiels hin, anstelle der vorher mehr geometrisch orientierten. Bei Jugendlichen, die heute von früh auf in Berührung mit elektronischen Technologien aufwachsen, bildet sich die Vorstellung einer „linearen Zeit“ und die Vorstellung eines „perspektivischen Raums“ (die für uns ältere eine gehirnliche Zwangsvorstellung ist) nicht mehr zwangsläufig aus – so der Medientheoretiker Vilém Flusser. Sie entwickeln auch nicht mehr das, was wir das historische Bewusstsein nennen; sie entwickeln nicht die Idee von einer „hierarchischen Tiefe“ des Raums. Sie können sie nicht entwickeln, sagt Flusser, weil an die Stelle der alten Raum- und Zeitordnungskategorien der digitale Code tritt, das heißt ein Denken in Bildern und Formeln, das der alten alphabetisch-geometrischen Welt-Raum-Ordnung entgegensteht; und womöglich sogar mit ihr unvereinbar ist. Auf der Buchstabenebene entspricht solcher Wahrnehmungsverschiebung das Faible der Jungen für die diversen Spielarten der Fantasy-Literatur, die in großen Zeit- und Raumsprüngen arbeitet und sich nicht mehr am alten Zeit-Raum-Kontinuum orientiert. Das leuchtet unmittelbar ein. „Historisches Bewußtsein“ – dessen Fehlen den Jungen ja allenthalben attestiert wird – kann sich dabei kaum entwickeln. Mit Dingen wie dem Kurz- oder Langzeitgedächtnis hat das nichts zu tun. Die Entwicklung kündet von gehirnlichen Veränderungen, denen das „Geschichtliche“ im alten Sinn schlicht nicht mehr kompatibel ist. Es sind auch ganz andere Spiele anstelle der alten getreten; eine ganze neue Welt in den Sphären des Elektronischen ist entstanden, in der die Jungen sich bewegen wie der Fisch im Wasser; in der wir älteren zunächst festliegen wie der Fisch auf dem Trockenen. Wenn die Hirnveränderungen, die Vilém Flusser (und inzwischen auch weitere Theoretiker) bei der jungen Generation als Folge radikaler Elektronisierung der Wahrnehmungs- und Denkvorgänge irreversibel eingeleitet sieht, so geschehen sind, dann müssen sie auch im Gehirn junger Fußballer ihre Spuren hinterlassen haben. Dann müssen sie auch in Taktik und Systematik des Fußballspiels selber sichtbar und erkennbar sein. Eben das wird sie tatsächlich in der „Tiki Taka“-Spielweise, die ich oben beschrieben habe. Das „Netz“, das die Linien des Balls auf das Feld zaubern, „entspricht“ elektronisierten Netzwerken, wie sie sich in den Körpern der Spieler und in der Teamstruktur finden. Das führt zur Frage, wie denn der Umgang der neuen Spielergenerationen mit dem Elektronischen beschaffen ist. Ein Testfeld, das sich anbietet, ist natürlich das elektronische Fußballspiel selber, das mit Spielconsole am Monitor gespielt wird; Copyright bei der FIFA, herausgebracht jedes Jahr neu mit jeweiligen aktuellen Veränderungen. Schon vor gut zehn Jahren wurde bekannt, dass Nintendo und andere Konsolen einen erheblichen Einbruch in das vorher flächendeckende Zocken mit Spielkarten bei den Fußballspielern auf Busreisen erzielt haben. Von der WM in Südkorea/Japan wurde berichtet, dass es eine mittlere Panik gab, als sich herausstellte, dass die europäischen Konsolen nicht ohne weiteres an die japanischen TV-Geräte anzuschließen waren. In einm Artikel von Malte Oberschelp im Magazin Elf Freundefand ich dann eine erste theoretische Betrachtung dieser Entwicklung: In ihrer Verschränkung von Kommerzialisierung und Pop-Appeal bilden Computersimulationen die zeitgemäße Entsprechung zu einem Spiel, das sein Selbstverständnis als authentischer Volkssport längst hinter sich gelassen hat. Der Fußball und sein digitales Abbild sind eine untrennbare Symbiose eingegangen, in der die Grenzen verschwimmen. Sony wirbt seit 1997 als einer der Hauptsponsoren der Champions League für die PlayStation, der Hersteller Sega war in der Saison 2001/02 mit seinem Konkurrenzmodell Dreamcast auf den Trikots des englischen Meisters Arse-nal präsent. Oberschelp beschreibt die neue „Realitätsnähe“ in diesen Computerspielen: Die Kader der Teams sind mit den echten Mannschaften identisch, von Jahr zu Jahr werden selbst die Gesichter der Spieler ihren Vorbildern immer ähnlicher. Die Bewegungsabläufe werden von Stars aus Fleisch und Blut minutiös abfotografiert und dann von Dutzenden Programmierern grafisch umgesetzt, es kommentieren die aus dem Fernsehen bekannten Stimmen. Als Spieler kann man aus einer Fülle von indivi-duellen und mannschaftstaktischen Möglichkeiten schöpfen. Auswechslungen, trick-reiche Übersteiger, Abseitsfalle, Fallrückzieher und taktisches Foul? Gar kein Problem – solange man die entsprechende Tastenkombination am Controller nur flink genug parat hat. (…) Heute bringen nur Spitzenteams solch genaue Pässe zustande, die daheim am Fernsehschirm längst gang und gäbe sind. Mit anderen Worten: das Spiel an der Console kann komplexer sein und auch eleganter als das Spiel im Stadion auf dem Rasen. Das brachte mich, als ich dies zum ersten Mal hörte, auf die spontane Feststellung: dann müsste selbst ein Michael Ballack oder Zinedine Zidane fußballerisch ja noch dazulernen können, wenn sie „sich selber“ mit der Konsole spielen. Sie zu fragen, hatte ich keine Gelegenheit. Aber der Fußballjournalist Christoph Biermann hatte; zwar nicht mit diesen beiden, aber mit einem Spieler, der noch aktiv in den Stadien herumzaubert. Christoph Biermann interviewte vor einiger Zeit Lionel Messi in Barcelona. Er hatte gehört, dass Messi auch ganz großartig an der Console sein soll. Und er hat ihn gefragt: Welcher Messi kann mehr, der auf dem Rasen oder der an der Console, wenn er von Messi selber gespielt wird. Messi habe nach einer kleinen Pause lächelnd geantwortet: der Messi mit der Console. Er sei z.B. dabei, einen bestimmten Schuß, den er mit dem „Messi“ auf dem Monitor hinbekomme, im Training auf dem Rasen zu üben. Und da hat er ihn noch nicht geschafft. Das heißt, der körperliche Messi nimmt den digitalen Messi zum Vorbild bei der Verbesserung seiner fußballerischen Technik. – Hat mich gefreut, das zu lesen. Wahrscheinlich sehen wir Samstag für Samstag in den Stadien oder im Fernsehen Proben dieser Umschaltung in Aktion. In den Spitzenteams erscheint diese neue Qualität als Fähigkeit, von fixen Spielsystemen abzusehen. Verschiedene Spielsysteme werden zunehmend kombiniert. Elektronisierte Spieler erkennen das jeweils Nötige besser und schalten entsprechend um. Bestimmte „Tugenden“, die früher bestimmten Nationen zugeschrieben wurden: „deutsche Tugenden“, italienische, holländische, spanische, französische, englische, ja sogar die „brasilianischen“ liegen somit in Spielern aller Länder vor. Sie verfügen über ein Arsenal von Spielweisen, abgespeichert in ihrer Bewegungsstruktur sowie in ihrem zunehmend „digitalisierten“ Gehirn. Digitalisierung und „neue Körperlichkeit“ greifen ineinander, auch ohne dass unbedingt ein „Chip“ in den Körper eingepflanzt werden muss. Und, was den Nationen bis heute so schwerfällt: anzuerkennen, dass sie im Prinzip nicht von anderer Art sind als ihre nächsten oder auch die ferneren Nachbarn: im Profi-Vereinsfußball ist dieser Schritt geschafft. Kein Bayer, soweit er Fußball-Narr ist, stört sich daran, daß zu den effektivsten (und auch zu den spielerischsten) Spielern ein Holländer und ein Franzose zählen, dazu ein Spanier und ein schwarzer Österreicher, neben drei, vier sporadischen Einheimischen; ganz hinten drin ein aus dem Ruhrpott geraubter Herr Neuer. Sie alle passen, verletzt oder auflauffähig – in dieselbe Kugel; in das All im Ball. So dass ich, als ich zuerst über Fußball schrieb, vorschlagen konnte, den im Spiel der Theorien von Ernst Jandl ironisch auf eine bestimmte Gruppe von Lacanisten gemünzten Vers: Phallus klebt Allus ein wenig zu verändern; nämlich das „Ph“ durch ein „B“ zu ersetzen. Ein Vorschlag, dem „die Realität“ allerdings nicht recht folgen will.

Weimar. Die vollständige Rede vonKlaus Theweleit:

Prämisse 1: Realität und Spiel

Bestimmte Parameter, die beispielsweise in der Arbeitswelt auftauchen, wie Vorschrift und Befolgung, Pünktlichkeit, Teamfähigkeit, Aufmerksamkeit für Neue-rungen etc., finden sich ebenso im Fußball: Führungsspieler, Wasserträger, strategische Unterordnung, „Kameradschaft“, Trainer-Befehlsgewalt oder gar „Truppe“.Solche Ähnlichkeiten sind nicht bloße Analogien, sondern wirkliche Parallelen, parallele Organisationsstrukturen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Wer sich in der Organisation einer Behörde, eines Industriebetriebs, einer Universität oder in den Pop-Kultur Diversitäten wirklich gut auskennt, oder aber wer sich im Universum Fußball wirklich gut auskennt – alle, die ihren Bereich durchlebt und durchdacht haben – kennen auch die anderen Organisationen, kennen damit die wirksamen Strukturen ihrer Gesellschaft. Sie können mit dem, was sie in ihren jeweiligen Bereichen gelernt haben, ohne weiteres in den anderen Bereichen arbeiten.Mit dem Wort „Modell“ arbeitet man in einer Spielwelt. Das Spiel kann so, oder auch anders, verlaufen. Zu einem Verständnis der Wechselfälle einer Gesellschaft gelangt man überhaupt nur über den Pol „Spiel“. Wenn Gesellschaften sich verändern, verschieben oder auch, wenn etwas im „Privaten“ sich entscheidend verändert, hat das immer etwas Experimentelles und, wenn es glücklich verläuft, Spielerisches an sich. Veränderndes Denken speist sich immer auch vom Spielerischen, ohne das es die Fähigkeit zur Utopie nicht gäbe.

Prämisse 2: Gewaltabfuhr

Alle Gesellschaften produzieren eine bestimmte Menge psychischer Gewalt zwischen ihren Mitgliedern, auch in Zeiten nominellen Friedens. Industrielle hoch-technifizierte Gesellschaften produzieren nicht nur Waren und ihre Umschlagplätze, Architekturen, Straßen, Wissenschaften und Technologien, sie haben auch einen hohen Output an Verhaltensweisen, Denkweisen, Gefühlslagen, Lebensformen.Dass bestimmte Wohnformen unter dem Begriff „Gewalt gegen die Körper der Bewohner“ beschrieben werden müssten, haben verschiedene Schriftsteller bemerkt.Dass bestimmte Formen der Industriearbeit auf eine Zerstörung der Körper der Arbeitenden hinausliefen, ist aus dem Frühkapitalismus, aus Sklavenarbeiten, aus Formen der Kinderarbeit und anderen Ausbeutungsverhältnissen bekannt.Dass die zivilen Formen des Zusammenlebens Gewalt produzieren können, wissen nicht nur die geschädigten Kinder. Schulen und andere Ausbildungsinstitutionen bearbeiten immer auch Gewalt; die in sie hineingetragene Gewalt und auch die in ihnen selber erzeugte.Auch in den produzierten Waren steckt ein Anteil verdichteter Gewalt. In jedem Auto z. B. steckt sowohl seine Tötungsgewalt wie auch die Gewalt seines Designs. Von seinen umweltbelastenden Ausstößen zu schweigen. Jede dieser Gewalten wirkt auf die Umwelt, sie strahlt aus. Jedes Stück Ekel-Blech, das sich raumgreifend über die Straßen bewegt, trifft design-empfindliche Menschen in ihrem Innersten. Die Wut darüber können sie aber nicht auslassen durch Tritte gegen das Blech. Sie müssen es ertragen wie auch den Anblick ihres Büromobiliars, den schlechten Schnitt von Treppenhäusern oder Eisenbahnwaggons, die Form von Fernsehern oder den Haar- und Hosenschnitt von Jugendlichen (oder Alten), obwohl all das sie andauernd „nervt“ Das Resultat ist eine unerledigte Menge diffuser Gewalt in den Körpern der Menschen: Resultat der gesellschaftlich in sie induzierten Energien und der Körperbearbeitungsformen, die sie erfahren. Außer der sozial genehmigten gelegentlichen „schlechten Laune“ haben die meisten dieser aufgestauten Gewaltkomplexe keine eingespielten verlässlichen Abfuhrbahnen. So äußern sie sich in Depressionen, Hass, Wutausbrüchen oder anderen Debalancierungen des psychischen Gleichgewichts. Guter Schlaf und das tägliche Entleeren von Darm und Blase helfen. Aber nicht für Alles.These: soweit ich sehe, geschieht die gesellschaftlich organisierte Gewaltabfuhr heute überwiegend in verschiedenen Formen des Sports; des aktiven wie des „passiven“ Sports; also durch Ausübung wie auch durchs Zuschauen; und zwar bei Männern wie bei Frauen und den Kindern auch.

Sprung nach Karlsruhe

9. März 2015:Red BullLeipzig spielt gegen den Karlsruher Sportclub; Zweitligafußball; beide mit Aufstiegsambitionen in die 1. Liga.Bericht des JournalistenChristoph Ruf:Gegen 23:30 konnte dann auchRalf Rangnick den Parkplatz vor der Karlsruher Haupttribüne verlassen, auch der Mannschaftsbus der Gäste rollte zu diesem Zeitpunkt leicht verspätet von dannen, nachdem ein Farbbeutel in Richtung Parkplatz geschleudert worden war.Vor dem Spiel hatten Karlsruher Fans das Mannschaftshotel der Leipziger aufgesucht, waren aber nicht direkt tätig geworden. Der Vorfall wird vonRangnick, ebenso wie das Blockieren des Mannschaftsbusses, als Teil einer „Drohkulisse“ gewertet.Christoph Ruf:RB ist seit seiner Gründung im Jahr 2009 Zielscheibe einer grundsätzlichen Kommerzialisierungskritik im deutschen Fußball, die in der Ultraszene geteilt wird. Daß der Red-Bull-Konzern mit immensen Finanzmitteln versucht, möglichst schnell ins internationale Geschäft zu kommen, halten die Anhänger der Traditionsvereine mehrheitlich für einen Frevel. Ärmere, aber seriös arbeitende Vereine wieMainz,Augsburg oderFreiburg drohten mittelfristig in der Zweiten Liga zu verschwinden, wenn konzernfinanzierte Zweitligaclubs wieIngolstadt oderLeipzig überhand nähmen.RBLeipzigs SportdirektorRalf Rangnick ist offenbar gerade dabei, die Rolle des offiziellen Buhmanns, der mit Industriegeld neue Vereine aus dem Boden stampft, von HoffenheimsDietmar Hopp zu übernehmen. Die schon länger auf dieser Ebene etablierten Großklubs ausWolfsburg undLeverkusen haben die „Fans“ dabei au-genscheinlich nicht im Blick. Selektive Wahrnehmung, wie bei allen Erscheinungen, in denen die jeweils „angesagte Sau“ „durchs Dorf gejagt“ wird.Dabei ist all diesen Verfolgern eins gemeinsam: Sie fahren Golf, sie schlucken Aspirin, sie benutzen die Software vonSAP – undRED BULL saufen tun sowieso alle; mit und ohne Wodka drin. „Böse“ ist im Augenblick aber vor allem „RB“. Im Gegenzug – Notwehr – bringtRangnick für Fans, die handgreiflich würden, Gefängnis-Strafen ins Spiel; in juristischen Schnellverfahren, „wie bereits praktiziert in Italien“. „Großer Protest“ bei den Fanbeauftragten, natürlich. „His Majesty, der Fan“, darf alles.Grundlage dessen ist die postulierte Wahrnehmung vom Stadion als „rechts-freiem Raum“. Diese Wahrnehmung wurde und wird unterstützt vom Anspruch der Sportverbände (nicht nur des Fußballverbands) auf ebenfalls eigene Rechtsprechung, nämlich Rechtsprechung von Sportgerichten, die – auch hier: ganz selbstverständlich – von den Verbänden in Anspruch genommen wurde und wird. DerDFB bzw. die DFL stecken in dieser selbstgebauten Zwickmühle. Die Fans (nicht nur die sog. Ultras; und nicht nur die Hooligans) nehmen ja für sich nur in Anspruch, was die Verbände selber auch tun: Sonderrechte; und zwar Sonderrechte auch im juristischen Sinn; etwa wenn sie für sich ganz selbstverständlich das Recht ungehemmter Feuerwerkerei in den Stadien für sich in Anspruch nehmen. Oder auf ihren Transparenten Gegner nicht nur beleidigen sondern körperlich bedrohen.Warum aber das Zündeln und das Abbrennen von Rauchbomben im Stadion „erlaubt“ sein soll, wo es doch außerhalb der Stadien das ganze Jahr über (außer an den Silvestertagen) im öffentlichen Raum überall (ganz selbstverständlich) verboten ist, weiß „der Geier“. Die speziellen Regeln, die für den Umkreis des organisierten Fußballspiels Geltung beanspruchen, sollen dies aber erlauben.Funktionäre (und auch ein Teil der Sportjournalisten) tun aber so, als würde man bei Verhandlungen über solche Übertretungen große „Zugeständnisse“ von den Zündelfans verlangen, wenn sie doch nur tun sollen, was für alle andern auch gilt: sich an geltende Gesetze halten. Große unschuldige Gesichter: „Wieso denn das?“ „Wir sind doch nur Fans, die ihrer Freude Ausdruck geben“. „Oder vielleicht auch des Zorns“. „Unser gutes Recht“. Was sonst.Es erinnert strukturell an den Umgang der Katholischen Kirche mit ihren Priestern. Die Kirche verhielt und verhält sich, als hätte sie das Recht zur eigenen, internen Rechtsprechung bei deren Verfehlungen. Vergleichbar verhalten sich die Fans und teils die Vereine (wenn hier auch keine dem sexuellen Mißbrauch vergleichbaren Straftaten vorliegen).Der „rechtsfreie Raum“ ums Stadion und im Stadion ist keineswegs ein kleines und schon gar kein marginales Problem. Dass eigene Regeln für das Spiel selber gelten, in die das bürgerliche Recht nicht hineinzuregieren hat, ist unbestritten – und gehört zur Substanz der ganzen Veranstaltung. So wie das bürgerliche Gesetzbuch auch für die Regeln des Skatspiels nicht zuständig ist. In der Welt des Spiels gelten die Regeln des Spiels. Bloß, was ist da, wo die beiden Welten sich überlappen. Womit wir beim Hauptproblem wären.Besonders in Gegenden, wo der Fußball einen großen Teil des öffentlichen Lebens wie auch des Familienlebens ausmacht, wie etwa in der Schalke-Kultur inGelsenkirchen oder in der BVB-Welt inDortmund, findet sich ein Großteil der Fans genau deshalb im Stadion am Samstag ein (oder in den Übertragungskneipen), weil sie die Welt der Regeln am Arbeitsplatz für ein paar Stunden oder auch das ganze Wochenende verlassen wollen.Beispiel aus einer anderen aber eben doch nicht so anderen – Kultur. Zitat:Einer der Anführer der militanten Fanklubs des Kairoer Fußballklubs Al Ahly, erklärte das einmal so: „Fußball ist größer als Politik, er ermöglicht die Flucht aus der Realität.“ Er beschrieb den durchschnittlichen Ahly-Fan als einen Mann, „der mit Frau, Schwiegermutter und fünf Kindern in einer Zweizimmerwohnung lebt, einen Minilohn verdient und auch sonst beschissen dran ist. Das einzig Gute in seinem Leben sind die zwei Stunden am Freitag, in denen er im Stadion sein Team anfeuert.So weit so gut; oder so schlecht.Eintritt in die wochenendliche Fußballwelt heißt aber oft mehr: Nicht nur Verlassen der Welt der Arbeitsbedingungen und der familialen Welt; sondern Eintritt in ein nicht exakt definiertes Reich der Übertretungen.In der Westwelt: „Ordentlich einen draufzumachen“ ist ja wohl das Mindeste. Wobei Man(n) manchmal weitergehende Programme zu erfüllen hat. etwa die, zwanzig Frauen am Wochenende flach zu legen und zwei Fässer Bier leerzusaufen, wie es ein deutscher Torhüter, tätig im englischen Profifußball, von dort – von dieser barbarischen Insel – als selbstauferlegtes Fußballerwochenendprogramm reportiert. Alles natürlich kein Scheidungsgrund. Fußballerischer Freiraum eben; rechtsfreier Raum. Der Fan in freier Wildbahn eben. (Montags dann wieder brav bei der Arbeit. Wochengespräch: Schalke, oder ManU).Daß „Fußball“ dabei oft nur der Vorwand ist zum Kreiieren eben dieser freien Wildbahn ist ebenso bekannt, wie das öffentliche Vorgeben „religiöser“ Zwänge oder Motive beim Begehen illegaler Handlungen bis hin zu Mordtaten durch jene “religiös motivierten Fundamentalisten“, die nach bürgerlichem Gesetzbuch schlicht unter „Straftaten“ fielen; und (manchmal) entsprechend verfolgt werden.Diese Sorte Fankultur hat Einiges zu verlieren, wenn das Zündeln und das körperliche Austoben, alkoholisierte Randalieren einschließlich Prügelorgien ihnen abgestellt würde; ein Rattenschwanz weiterer „abgestellter Privilegien“ würde über kurz oder lang folgen. Ein Weltuntergang! Nicht weniger.Ähnlich gebärden sich die Profivereine selber, wenn Stadtverwaltungen – wie etwa die inBremen – den Vereinen damit drohen, für die Kosten des Polizeiaufgebots am Fußballwochenende nicht mehr allein aufkommen zu wollen, sondern den Verein, in diesem FalleWerderBremen, zur Kostenbeteiligung an der Fan-Kontrolle zu bitten. Empörter Widerspruch des Vereins! So selbstverständlich lebt das Management dort in der Inanspruchnahme eines gesonderten Rechtsraums für das Fußballwesen.Haben die denn noch alle? Die Allgemeinheit soll für das Polizeiaufgebot ge-gen den Fan-Wahn aufkommen? Also auch die Leute, die den ganzen Zinnober ohnehin ablehnen? Und schon ertragen müssen, wie die fußballverstopften TV-Kanäle von ihren Gebühren mitfinanziert werden? Die Chuzpe, mit der die Fußballwelt auf ihre Sonderrechte pocht, ist schon ganz erstaunlich.Wie die Sache sich erklärt? Der partiell rechtsfreie Raum um den Fußball und seine Stadien wurde stillschweigend geduldet und sogar gehegt, solange die „Fans“ dort nicht weiter auffielen, außer durch die paar allfälligen Schlägereien und Besäufnisfolgen. In diesem Rahmen läuft das Ganze eher als Teil einer allgemeinen „Befriedungsstrategie“ von Teilen der arbeitenden und auch arbeitslosen Bevölkerung, die unter anderen Umständen womöglich anders – d. h. politisch relevant – aufmüpfig würden.Diese Befriedungs-Selbstverständlichkeit scheint momentan dabei, in die Brüche zu gehen.Als Gründe dafür sehe ich, grob gesagt, die laufenden Kriege der verschiedenen Art: sowohl die sozialen Kriege um Arbeitsplätze, Lohnkämpfe, Einwanderung, Umgang mit den Fremden und dem Fremden; die Kriege um Geldwert, Steuerverhalten, die deutsche Lage im Euro-Wesen. Wie auch die äußeren Kriege:Afghanistan,Irak,Syrien,Libyen,Mali,Kongo,Ghana,Zentralafrikanische Republik usw.So ist Pegida eine ganz direkte Folge des Flüchtlingsaufkommens aus diesen in Kriege getauchten Gebieten; Kriege, von denenDeutschland nicht mehr sagen kann, es führe sie gar nicht. Genau dieser Punkt hat sich verändert in der deutschen Wahrnehmung der letzten beiden Jahre.

Untergegangene Illusionen

Sprung nachÄgypten:Vom Persischen Golf bis zur nordafrikanischen Atlantikküste macht der Fußball dem Islam bei der Schaffung eines alternativen öffentlichen Raums seit knapp dreißig Jahren ernsthaft Konkurrenz. Als im Dezember 2010 die arabische Rebellion begann, war der Fußball bereits einer der wichtigsten zivilgesellschaftlichen Bereiche, der sich den repressiven Regimen und ihren Sicherheitsapparaten ebenso erfolgreich wider-setzte wie den militanten Islamisten.Seit etwa zwanzig Jahren läuft zwischen den Fans und den autokratischen Herrschern ein Katz-und-Maus-Spiel um die Hoheit über die Stadien. Zugleich wehren sich die Fans auch gegen die Versuche der Dschihadisten, die Jugendlichen bei ihrer Fußballbegeisterung zu packen und für ihre Sache zu rekrutieren. Offensichtlich ge-hen alle konkurrierenden Gruppen – die Fans, die Regime und die Islamisten – von der Prämisse aus, dass nur der Fußball ähnlich intensive Gefühle und eine ähnliche Opferbereitschaft bei der Mehrheit der Bevölkerung erzeugen kann wie die Religion.Vor diesem Hintergrund war es unvermeidlich, dass die staatliche Reaktion auf die Protestbewegung zuallererst den Profifußball traf. Wann immer im Nahen Osten oder imMaghreb die Massen gegen die Regierung auf die Straßen gingen, verfügte die politische Führung fast automatisch die Aussetzung des Ligabetriebs, weil sie in jedem Fußballstadion eine potenzielle Arena für oppositionelle Kundgebungen sieht.InSyrien hat das Assad-Regime schon Anfang 2011, noch bevor es gewaltsam gegen die Bevölkerung vorging, den Fußballbetrieb auf unbestimmte Zeit suspendiert. Dadurch wurden die oppositionellen Kräfte in die Moscheen zurückgetrieben: Wenn die Stadien kein öffentlicher Raum mehr sind – auch weil sie den Sicherheitskräften als Sammelstellen und Internierungszentren dienen – verlagern sich die meisten Proteste in die Moscheen, weil sich dann nur hier größere Menschenmengen versammeln können.InTunesien,Ägypten undAlgerien hatte die Aussetzung des Fußballbetriebs zur Folge, dass die oft militanten, hoch politisierten und gewaltbereiten Fußballfans statt im Stadion auf den öffentlichen Plätzen protestierten. Dort fiel ihnen häufig eine besondere Rolle zu: Sie halfen den Demonstranten, die von den neopatriarchalischen Autokraten errichtete Angstbarriere zu überwinden, die ein wichtiger Grund war, warum die Massen deren Herrschaft bis dahin schweigend und passiv hingenommen hatten.Deshalb entfalteten Fans inÄgypten bei einem der ersten Spiele nach dem Sturz von Mubarak ein Banner, auf dem sie ihre Idole kritisierten: „Wir sind euch überall hin gefolgt, aber in den harten Zeiten konnten wir euch nicht finden!“Angefügt noch diese Info:Im fußballverrücktenÄgypten befindet sich die Hälfte der 16 Erstligaklubs im Besitz des Militärs, der Polizei, einzelner Ministerien oder Provinzregierungen. Und die 22 Fußballstadien des Landes wurden von Baufirmen errichtet, die dem Militär gehören.Das interessanteste an dieser Beschreibung ist das Datum: Januar 2012. Hier, vor gut zwei Jahren, hielt es der Autor noch für möglich, dass in der Konkurrenz zwi-schen Sicherheitsapparaten des Staates, dem militanten Islamismus und der fußballverliebten Zivilgesellschaft „der Fußball“ die Oberhand behalten könnte. Das könnte heute – leider – niemand mehr sagen. Die Kraft der Fußballszene wurde über-, die des Staates unterschätzt; und die der Islamisten sowieso.

Kriegerisches, neu

Zurück nachDeutschland: Gerade die demonstrative Installierung einer Frau auf dem Posten des sog. Verteidigungsministers hat unterstrichen, dass hier jetzt ein anderer Ernst herrscht. Der blonde Engel mit der durch nichts zu erschütternden blonden Betonfrisur ist ausersehen, „den Deutschen“ klar zu machen, dass sie sich „im Krieg“ befinden, und zwar in mehr als einem. Bemerkenswert die fast einhellige Zustimmung zur Erhöhung des Militärhaushalts im Bundestag. Dieser netten Frau kann man ja nichts abschlagen.Das ganze Gerede von der „gewachsenen deutschen Verantwortung“ für die Belange der Welt – bloß weil die Wirtschaft hier ganz gut läuft oder zu laufen scheint; – dies Gerede, das die Herren Schröder undFischer in die Welt gesetzt haben, um ihren Einfluß auf den Zugang zu bestimmten Bodenschätzen in der Welt dem deutschen Militär- und Regierungseinfluß zu erhalten, ist unter der Regierung Merkel, mehr oder weniger zwangsläufig, übergegangen in die betonierte Feststellung eines Ist-Zustands. Es ist Krieg in derUkraine; es ist Krieg in TeilenAfrikas undAsiens; undDeutschland – so sehr seine „Führung“ dies zu verbergen sucht – hat die Finger im Spiel.Es ist umso mehr Krieg in derUkraine, als in der Berichterstattung über das grandiose 7:0 derBayern ausMünchen über SchachtjorDonezk in der Champions League der HerrPutin und seine Truppen ausnahmsweise nicht erwähnt wurden.Es ist Krieg; aber wir sollen glauben, es wird noch gespielt.Für dieUSA, seit dem Sieg im 2. Weltkrieg beherrscht von den Militärs (und nicht von seinen Präsidenten und deren Partei) ist der „Kalte Krieg“ nie beendet worden. Noch schärfer gesagt: es hat ihn nie gegeben. Für dieUSA haben die heißen, d.h. der 2. Weltkrieg und dann auch der Koreakrieg, nie aufgehört. Der sog. „kalte“ war ihnen immer nur die Fortsetzung des heißen mit gerade anderen Mitteln. Und wo immer es ihnen nötig erschien, haben sie den „heißen“ aufflammen lassen; oder aber under cover, mit geheimdienstmäßiger Gewalt, die gewünschten Ziele erreicht (manchmal auch nicht erreicht).Deutschlands Rolle in diesem Spiel? Nicht nur, dass die deutsche Beteiligung an der BombardierungBelgrads so etwas wie das Feigenblatt für den nicht von der UNO gedeckten Angriff derUSA aufSerbien abgab (ein durch den Außenminister J.Fischer – einen fanatischen Freizeitfußballer – höchst bereitwillig und frech aufgezogenes Feigenblatt); auch die RolleDeutschlands als nun mit einem Mal „mächtigstes Land“ innerhalb der EU bei der Ausdehnung der NATO aufPolen und die weiteren Länder an den GrenzenRusslands, kann nicht mehr übersehen werden. Oder glaubt irgendein aufmerksamer (oder auch nur irgendein dumpfer) Deutscher, dass dies ohne zustimmende BeteiligungDeutschlands so hätte vonstatten gehen können?Aus Spiel ist, wie unter der Hand, Kriegsspiel geworden.Seine lobende Rezension des Films „Futebol e vida“ -Daniel Cohn-Bendits Fußballfilm von der WM inBrasilien 2014; an der Kamera sein Sohn, der Filmema-cherNiko Apel – beschließt der PolitikwissenschaftlerClaus Leggewie mit den Worten: „Der Film bereitet schon vor auf die Pein von 2018 und 2022: Werden die Anhänger des ‚jogo bonito‘ den unumgänglichen Boykott der WM inRussland undKatar mittragen“? (taz, 10. März 2015)Das ist eine schlaue Frage, etwas verklausuliert. Sie hält den Boykott der WM’s 2018 inRussland und 2022 inKatar für unumgänglich – wegen der kriegerischen Politlagen nämlich – und fragt, ob sichBrasilien, etwas weiter weg vom Schuß, sich dem (unumgänglichen!) Boykott der europäischen Verbände anschließen wird.Fußball – gerade die Fußballwelt in ihrer Eigenschaft als größtes gesellschaftliches Parallelfeld zum Ausagieren von Konflikten, die aus der gesellschaftlich-politischen Welt stammen – ist davon nicht unberührt; kann, soLeggewie, davon nicht unberührt sein.Es ist nicht mehr die Ebene des früher so gern gezogenen Vergleichs zwischen der Figur des Kanzlers/der Kanzlerin und dem Bundestrainer, auf der die Spuren einer solchen Parallelisierung zu verfolgen wären. Auf dieser Ebene verhält sich alles sehr kontrolliert und scheinbar unberührt voneinander.Es ist vielmehr das Umfeld des ganzen „Fußballstaats“, das solche Parallelen sichtbar werden lässt. Ganz direkt: ein Teil der Fankultur führt Krieg. Ob es das Gefolge des Dresdner Fußballs ist, das dauerrandalierend durch auswärtige Stadien zieht oder Teile der Dortmunder Fanszene, die ihre Neo-Nazi-Nähe ausstellen: sie sind nicht allein auf weiter Flur. In den meisten Fußballstädten gibt es derartige, wenn auch meist sehr kleine Gruppen in der Fanszene; sie sind – mit ihrem klaren Gespür für Räume, in denen Machtvakuen vorliegen, dort hineingeströmt und nehmen nun den postuliert „rechtsfreien Raum“ der Stadienwelt für sich in Anspruch. Und die Vereine – selber um den partiellen Erhalt ihrer „Rechtsfreiheit“ kämpfend – unternehmen zu wenig oder nichts dagegen.Nicht nur im Stadion-Umkreis: wo „Salafisten“ und „Hooligans“ gegeneinan-der aufmarschieren – zwei Formationen, die ganz klar Eigengesetzlichkeit für sich reklamieren – findet sich der „rechtsfreie Raum Fußball“ in den Raum „rechtsfreie Öffentlichkeit insgesamt übertragen. Pegida und ihre Gegendemonstranten sind ziemlich deutlich ein Ableger dieses Verhältnisses.Pegida führt klar Krieg. Krieg gegen Einwanderer, Flüchtlinge und Asylsuchende, die genauso wenig einen Fuß nachDeutschland setzen sollen wie ein feindlicher Fan-Fuß sich finden soll im Bereich, in dem die BVB-Neo-Hooligans „regieren“. „Hier regiert der BVB“ war einmal ein Spruch innerhalb des Stadions, bezogen auf die Vorgänge auf dem Rasen. Der „Regierungsanspruch“ hat sich nach außen verlagert und definiert sich nicht mehr nur fußballerisch, sondern allgemein politisch.Alle Fangruppen reagieren mehr oder weniger deutlich auf diese Verschiebung der Machtverhältnisse im Umkreis der Stadien. Wenn Fans desFCSt. Pauli beim letzten Spiel im eigenen Stadion Transparente zeigen, die es wichtiger finden, dass Flüchtlinge inHamburg anständig untergebracht und behandelt werden als dass ihr Verein das Spiel gewinnt – obwohl dieser sich in akuter Abstiegsgefahr befindet – ist ein deutlich davon abweichendes Verhalten; deutlich bezogen auf gegenteilige politische Verfahren anderswo und setzt ganz andere Prioritäten.

Internet-Spiele

Treten wir kurz ein in eine andere – aber doch nicht ganz andere – Spielwelt. Ins Internet! Auf die Eingabe „Spielen“ bei google erscheint nichts zum Verb „Spielen“. Die Suchmaschine übersetzt gleich substantivisch in „Spiele“. Ganz oben erscheint: „Jetzt spielen.de“: ich klicke. Es erscheint die Angabe: 3000 kostenlose Spiele. „Jeden Tag neue online-Spiele“. „Für dich“. (Man wird geduzt auf „Jetzt Spielen.de“). 3000 Spiele mit je einem Bild, angeordnet in Sechserreihen. Erstes Spiel: „Papa Louie 3: Eisbecher greifen an“ (nicht: Eisbrecher!) Zwei: „Cooking Academy: Burger“. Drei: „Einkaufstraße (Shopping Street)“. An vier: „Kings of Fighters“, ein Ego-Shooter. Ich klicke die eins an; eine Spielanleitung erscheint. Aber ehe ich darauf richtig reagiere, schaltet sich eine Werbung ein: Gothaer Versicherungen, gefolgt von einer Riesenpizza. Pizza to Go. Bei der Cooking Academy erscheint eine Werbung für Kaffeemaschinen, dann Media Markt Telefone. Dies stellt sich als Prinzip heraus. Vor jedem neu geöffneten Spiel erscheint der Satz: „Nach der folgenden Nachricht von unserem Sponsor kannst du dieses Spiel weiter spielen“. Dann Einladung zu Lavazza Kaffee oder „Nivea, eine Creme ohne Aluminium“. Plötzlich dann eine Werbung des Internet-Versands Redcoon. Angeboten werden Geschirrspüler. Moment! Ich habe vor ein paar Tagen über google bei redcoon nach Geschirrspülern gesucht. Der Computer hat sich das offenbar gemerkt – nein, Quatsch, die Suchmaschine hat es registriert und gespeichert. Und sie schickt mich nun, mitten aus der Seite „Jetzt Spielen.de, Shopping Street“ mit einem Pfeil zurück auf die redcoon-Seite mit dem von mir vor einigen Tagen betrachteten Bosch-Geschirrspüler. Merkwürdiges Spiel. „Kings of Fighters“ bietet als Personal 9 martialisch fernöstlich aussehende Kämpferfiguren im Comic Look; sieben männlich, zwei weiblich. Dann ein Button zur Auswahl des Schwierigkeitsgrads: „Select Difficulty: Normal oder Hard“. Ein Typ mit nackten Oberarmen, rotes Piratenkopftuch, martialische Fresse, eine Art Raketenwerfer im Anschlag, gebleckte Zähne. „One Mouse Click to ‚Auto Shoot‘. Then click again to stop shoot; kill all enemies to proceed“, ist die Anweisung. „Alle Feinde töten, um weiterzukommen“. Dann knattert es los. Man soll sich beteiligen und wieder wo klicken oder drücken. Ich tue nichts und erhalte die Nachricht: „Verloren!“ „You lose! Rambo is dead!“ Spiel fertig. Wer nicht selber schießt, wird erschossen, Loser! Unten drunter eine Sechserreihe mit „Ähnliche Spiele“ und eine Werbung für den Biene Maja-Kinofilm. Namen der nächsten Spiele: Trollface Defense – My Dolphin Show 6 – Carstyling mit Harry – Tapferer Ritter – Alter Planet – Popping Pets – Shark Lifting – Hexenjagd – Klo Held – Shooting Action Massacre – Filmwerbung: Warner Bros: Gespensterjagd. 3000! Wir säßen morgen früh noch hier bloß beim Titel nennen. Das Programm solcher Häufung ist offenbar: Vollzeitbeschäftigung für Arbeitslose. Und das ist noch gar nichts. Anklicken des Links „SPIELAFFE“ bietet 12.000 Games zum Ausprobieren. Und 12.000 Werbespots. Ich stelle mir seit Jahren die Frage, was unsere Regierungen, Behörden, Schulen, Vereine etc. eigentlich unternehmen, um dieses ungeheure menschliche Potential, das durch die Umwälzungen in der Arbeitswelt nicht mehr zu festen Anstellungen gelangt und zu großen Teilen arbeitslos wird, nicht ungenutzt verkümmern zu lassen. Man müsste doch ganz neue Wege finden, all diese Menschen in vernünftige und erträgliche Beschäftigungen einzubinden, die ihnen die Chance geben, sich weiter zu entwickeln, menschlich wie intellektuell. In dieses Vakuum – es ist ein weiteres Vakuum, das die für das öffentliche Leben in Europa Zuständigen geschaffen und dann so belassen haben – in dieses Vakuum ist voll die elektronische Spiele-Industrie auf den Flügeln des Internet seit Mitte der 90er Jahre eingeströmt. Der Historiker Ulrich Herbert stellt am Ende seiner „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ die Frage: „Wann war das 20. Jahrhundert zu Ende“? Von seinen Studenten bekam er eine ganz unerwartete Antwort. „1995“ sagten sie. „Das Jahr steht für die weltweite Durchsetzung des Internets, das damals in Westeuropa etabliert wurde, und damit für den Beginn des digitalen und das Ende des analogen Zeitalters“. (S. 1238) Zeitalter, das Cheffrau Angela Merkel noch im letzten Jahr als „Neuland“ für sie (und die meisten von uns) bezeichnete. Eine Digitalwelt, die die letzten 20 Jahre genutzt hat, dort, neben vielem anderen, auch 12.000 Spiele zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen, die, u.a., dafür Sorge tragen, dass kein computerbesitzender Arbeitsloser in seinem womöglich doch langen Leben je beschäftigungslos sein wird. In den Spielpausen – man kann ja nicht immer ganz dasselbe machen – locken dann die Fußballübertragungen, locken Champions League,Europa League, die Bundesliga sowie Welt- und Europameisterschaften mit weiterem Digitalfutter, gewirkt aus dem runden Leder, das kein Leder mehr ist. Die dritten Programme übertragen auch lokalen Drittligafußball. Auch inKiel undBielefeld ist man Teil der großen Digital-Spiele-Welt. So müssen nur die, denen das Alles gar nichts sagt, Dschihadisten werden; d.h. Spielverderber mit der Waffe in der Hand. So kann man auch siegen (oder siegend untergehen). Und im Jenseits den Neustart-Knopf drücken. Insofern sind auch diese (verkappte) Digitalwelt-Bewohner, Elektronik-Spieler.

Fußball GmbH’s

Die Fußballvereine sind – das ist Ihnen allen bekannt – seit einer Weile Wirtschafts-unternehmen mit z. T. beträchtlichen Budgets und Etats. Lokal gibt es darin große Verschiedenheiten. Z. B. half bei der wundersamen Wiedererstarkung des VereinsBorussiaMönchengladbach in den letzten Jahren natürlich, dass sich auch weit über die Stadt am Niederrhein hinaus viele Menschen mit diesem Klub identifizieren. Im neuen Stadion stieg die Zuschauerzahl um 60% auf 52.000. Die Sponsoring- und Fanartikel-Erlöse wurden verdreifacht. Der Ge-samtumsatz hat sich seit 1999 auf 122 Millionen Euro fast versiebenfacht. Die Fußball-GmbH, eine 100-prozentige Tochter des Vereins, verfügt über das Stadion ebenso autark wie über Namens-, Vermarktungs-, Catering- und sonstige Rechte. Ende 2017 soll neben dem Stadion ein Neubau mit Hotel, Museum, Fanshop und Reha-Zentrum eröffnet werden. „Wir sind Herr im eigenen Haus“, sagt Schippers. Unab-hängigkeit steht als eines von mehreren Leitwörtern in der kleinen „Mitspielerfibel“, die jeder neue Angestellte bekommt – also etwa so wie früher der Konfirmand den Katechismus mit den zehn Geboten bekam; oder der FDJ‘ler sein Heftchen mit den Jugendregularien: eine Angestelltenfibel nun mit den Regeln für die RegionalkircheBorussiaMönchengladbach.Eine weltliche Kirche, selbstverständlich; wie alle vergleichbaren unternehmerischen Projekte inDeutschland rein weltliche Kirchen sind. Sie wollen keine Fundamentalisten; auch keine rein fußballerischen. Ein Fanclub, der nichts gelten ließe außerGünter Netzer, Rupp und Laumen aus der ursprünglichen „Fohlenelf“ wäre nicht im Sinne des Vereins; nicht im Sinne der Fußball-GmbH MG. Neubau, Neubauten, und zwar keine einstürzenden. Namens-, Vermarktungs-, Catering- und sonstige Rechte. All diese Einnahmen, dazu die TV-Gelder, erbringen mehr Geld als die verkauften Tickets für die Spiele. Fans, die ihre Kriege führen im und um den „rechtsfreien Raum“ Fußballstadien, will ein solcher Club absolut nicht. Sie schaden. Aber die Kriege sind da; und nur wenigen Clubs wird es gelingen, sie aus den eigenen Bereichen fernzuhalten.RBLeipzig undDynamoDresden gehören wohl nicht dazu.Es ist allerdings eine Tatsache, dass derDFB und der Fußball eine Vorreiterrolle spielen in der Förderung und beim Einbau junger Spieler nicht-deutscher Eltern in die deutschen Vereine und ins „deutsche Leben“. „Jungprofi“ heute heißt, man hat eine der Fußballschulen durchlaufen, die derDFB seit 1998 für alle Profivereine verpflichtend gemacht hat. Die Spieler Neuer, Özil, Khedira, Boateng,Hummels, Marin, Aogo standen in der U21, die bei der EM inSchweden 2005 durch ein 4:0 überEngland Europameister wurde. Das bedeutet: die etwa 20-Jährigen, die Nationalmannschaftsreif werden, spielen schon seit der U15, also seit etwa sechs Jahren in deutschen Jugendnationalteams. Geboren inDeutschland sind sie außerdem alle. Sie haben kein Problem damit, sich selbstverständlich für das deutsche A-Nationalteam zu entscheiden, wie etwa noch vor ein paar Jahren die etwas älteren Altintop-Brüder, die sich für das Land ihrer Eltern, für dieTürkei, entschieden haben. Die Qualität des jetzigen A-National-Teams hat weniger mit Migration als mit einer hochklassigen Fußballausbildung von Kindesbeinen an zu tun; eine Entwicklung, in derFrankreich undSpanien den Deutschen vorausgingen; aber jetzt ist deren Vorsprung aufgeholt.Die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung hinkt dem weit hinterher. Zeichen dafür sind Blogs aus der rechten Szene vor der WMBrasilien 2014, die dem Team von Löw als „undeutschem“ Team Niederlagen wünschten. Hier wird gar nicht mehr in der Kategorie »Spiel« gedacht, sondern gleich in der Kategorie „Krieg“: und Löw/Deutschland (=falschesDeutschland) sollen ihn verlieren. Der dann gewonnene WM-Titel war eine Niederlage für diese Typen: Sieg des Migrantismus.

Gewaltabfuhr

Das zentrale Mittel zur Abfuhr angestauter Gewalterfahrungen ist traditionell die motorische Abfuhr gewesen: jede Sorte Bewegung; besonders bei Männern. Heute joggen gleichviele Frauen wie Männer oder treten regelmäßig in die Pedalen. Aber auch das Zuschauen ist eine spezifische Form von Aktivität, physischer wie psychischer Art. Was früher für das Theater unter der Formel „Katharsis“ gefasst wurde, geschieht heute emotional vergleichbar vor dem Monitor mit der Fernsehserie oder der Fußballübertragung; mit dem Unterschied, daß der Zuschauer beim Sport in stärkerer Weise Akteur ist als er es war im Theater. Viele der Bewegungsabläufe der Akteure auf dem Schirm oder im Stadion kennt er am eigenen Leib: nämlich wenn er selber spielt, selber gegen Bälle tritt oder trat. Fußballspieler und Zuschauer bilden so etwas wie eine Reaktionsgemeinschaft zur Erregung und zur Abfuhr bestimmter Affektkonglomerate. Das Spiel – mit all seinem Brimborium drumherum – hat somit eine eminente sozialpsychologische Funktion. Mit dem weitgehenden Verschwinden der soldatisch dominierten Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg hat sich dabei ein zunehmender Respekt vor der körperlichen Unantastbarkeit auch der „niederen“ Menschen einer kulturellen Hierarchie durchgesetzt. Auch Gewaltabfuhrformen wie die schnelle Rangelei oder Prügelei inmitten einer Schulhofs- oder Kumpelgruppe – wie sie noch zu meiner Schulzeit alltäglich waren – haben ihre hohe Relevanz im Sozialverhalten eingebüßt. Der noch in den 60er Jahren verbreitete Ein- und Übergriff in die in Reichweite befindlichen Körper der Mitmenschen, wurde zunehmend zurückgebaut und ist heute selbst unter pubertierenden Jugendlichen nicht mehr die Regel; und unter zivilisierten Erwachsenen streng geächtet. In der Normalität hochtechnologisierter, institutionell ausdifferenzierter Gesellschaften sind somit fast alle alten Formen der Gewaltabfuhr bzw. Gewaltweitergabe aus dem Verhaltensrepertoire verschwunden. Zu einem hohen Grade sind sie ersetzt worden durch Spiele; durch eine Vielfalt von Spielformen. Durch die hochtechnologisierte Industrie- wie auch Agrarproduktion hat sich aber auch die direkte Zufuhr von Gewalt in die einzelnen Körper verringert; sie ist heute verdeckter, indirekter. Das heißt nicht, dass sie verschwunden wäre. Sie hat sich verwandelt. Aber sie wird gespürt. Die Ursachen neuer Ängste liegen heute eher in der Unüberschaubarkeit vieler ökonomischer, verwaltungstechnischer und technologischer gesellschaftlicher Vorgänge; in der Arbeitsplatzunsicherheit; in neu entstandenen Verhaltensformen; ein Wort wie „Mobbing“ z. B. gab es nicht im alten Abfuhrsystem. Die Behauptung, „Fußball ist Krieg“, die dem holländischen Trainer Rinus Michels zugeschrieben wird, machte lange Zeit absolut Sinn: der Fußball als (im Kern) reiner Männersport, Männerkampfsport, Körperertüchtigung (verdeckt) soldatischer Männer; ein Militärableger mit dem Ziel der untergründig fortdauernden Kampf- und Vernichtungshaltung der Gesellschaft. In den Fußballinternaten heutiger Profivereine liegt das Schwergewicht aber auf ganz anderen Dingen; nämlich auf der Entwicklung der „artistischeren“ Seiten des Spiels. Sie legen es nahe, Fußball gerade nicht als „Krieg“ zu sehen. Der selbstverständlichste Unterschied zwischen Spiel und Krieg: der überwachte Kanon des Fair Play, der Respekt der Spieler voreinander, die Anwesenheit von Schiedsrichtern, während der Terror des Kriegs prinzipiell schiedsrichterlos läuft.) Was tut Fußball? Sicherlich organisiert er einen Kampf; Kämpfe um die Herrschaft über ein bestimmtes Stückchen Erde – also genau das, worum Staaten Kriege führen. Er gibt dazu allerdings beiden Parteien ein-und-dasselbe Spielgerät in die Arena, den Ball. Dieses Spielgerät darf nicht zerstört werden. Dies ist der entscheidende Punkt bei der unkriegerischen Lösung des angepfiffenen Spiels. Beide Mann-schaften „kämpfen“ auch für die Unversehrtheit des Balles. Am Grunde des Spiels liegt für alle ihre Liebe zum Ball. Für das „All im Ball“. Zwei Typen im Trikot, die hinter demselben Ball herjagen, die sich jeden Zentimenter und jede Zehntelsekunde erkämpfen müssen, in denen sie mit dem Ball „ihr Ding“ anstellen können, das sind „You and Me“ bei der Suche nach der Lücke. Nach der Lücke für die Freiheit. „Frei zum Schuss kommen“ beinah unermeßlich, was das heißt. Deswegen ist der Aufschrei der Massen so einmütig und groß, wenn der Frei-zum-Schuß-Gekommene nicht verwandelt: Oh Gott, was für eine Vergeudung! Leben wir so im Überfluß, daß man so ein Ding vergeigen kann? Leben wir nicht!! Wir denken ökonomisch. Jedes dieser Dinger muß rein, 3:1, 4:1, egal. Der vieltausendstimmige Schrei ist immer auch eine heftige Gewaltentladung. Und eine je gelingendere, je mehr solche Dinger „drin“ sind. Das Wort „verwandeln“ trifft es genau. Ein Ball, der ins Tor geht, ist ja nicht „verwandelt“; Thomas Müller tut ihn bloß rein; der Ball ist (fast) der gleiche wie vor-her. Aber die Zuschauer sind verwandelt, die ganze Situation ist verwandelt. Der Treffer verwandelt 25.000 oder 50.000 Verzagte in 50.000 Schreiende, Hüpfende, ihr Herz in die Luft Werfende. Wo sonst gibt es soviel Verwandlung im Zivilalltag?Der Charakter solcher Entladung ist ein serieller. Fußball garantiert Fortsetzung: Neuer Anfang, Revanche und wieder Revanche. Ein fliegender Teppich, auf dem im Rhythmus der Jahreszeiten „das Leben“ spielt. Man kann dabei zusehn, wie das Aggressionspotential der Jubilierenden sich ins Nichts verduftet. Das Stadion schwebt. Nur lachende Gesichter, Umarmungen. Schlusspfiff, kollektiver Aufschrei, Zustimmungsschrei – und die Masse verströmt sich in den strahlenden Samstag. Das ist der gute – und tatsächlich auch immer wieder passierende – Ablauf des Wochenendspektakels.Entladung „Der Schrei“. Wo im alltäglichen Leben kann man seinen Mund aufreißen und einen Schrei herauslassen, der so laut ist, wie man ihn nur schreien kann und so ungehemmt, wie immer man das möchte. Sei es als Torschrei, da sowieso, oder auch als Wutschrei: »Neeeiiin, das doch nicht! Du Double!«. Ein Schrei, den Fünfzigtausend oder Zwanzigtausend im selben Moment so schreien, weil sie dasselbe gesehen haben und dasselbe empfinden; Schrei, eingebettet in die kollektive Entladungssituation. Er führt wirklich etwas ab. Die Menschen entledigen sich ihrer »Befehlsstacheln« (Canetti). Was in sie hinein gegangen ist an Vorschrift und Unterdrückung wird im emotionalen Aufwallen des gemeinsamen Agierens aus den Körpern herausgeschleudert. Fußballstadien organisieren eine Regelhaftigkeit solcher Abfuhr; sind also immer auch Orte einer ritualisierten Gewaltregulierung.Wo sonst gäbe es „den Schrei“: „Du Arsch, du blöder!“, ohne dass es eine unerlaubte oder unangemessene Übertretung wäre, ohne dass man jemanden direkt verletzte. Der Schreiende entläd sich, aber der Spieler bleibt unversehrt. Sensationierend besonders für Leute, die sonst nie herumschreien. Man schreit, man weiß, es wird nicht vergolten; Den beschimpften Spieler mag es schwer treffen. Aber er wird bezahlt; man selbst hat bezahlt. Und er hat die Chance, es das nächste Mal besser zu machen. Man merkt, mit all denen, die auch geschrien haben, dass der Schrei tatsächlich erleichtert. Es geht mehr mit hinaus, als nur die Enttäuschung der gerade vermasselten Situation.Und ist – als erlaubte Übertretung – mit Ende des Spiels wieder gelöscht. Das Stadion organisiert eine gemeinschaftliche Entladung ohne ein reales Opfer; den Spieler trifft es sozusagen symbolisch. Selbst das „du Arschloch“, das man dem Schiedsrichter zubrüllt, ist nach dem Spiel ausgelöscht, vergessen. Keinesfalls würde man es dem Herrn an den Kopf schleudern, träfe man ihn beim Abendessen in einem Restaurant oder in einem Eisenbahnabteil. Keinesfalls? Das war vielleicht einmal so. Es ist nicht mehr so. Der Herr in Schwarz, der das Spiel „verpfiffen“ hat, müsste um sein Leben fürchten, träfe er auf Fans der Benachteiligten etwa im Zug nach Hause oder an der Autobahnraststätte.Fußballspezis, die seit Jahrzehnten die Stadien besuchen, professionell oder in Fangestalt, versichern mir, das war in den 80er, 90er Jahren nicht anders; vielleicht sogar schlimmer. Nur im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gab es eine – vorübergehende – und sogar rätselhafte Abkühlung der Fangewalt, die nun wieder vorbei ist.Ich will ihnen glauben – näher am Ball als ich waren sie meistens. Ich dafür näher an einem anderen Ball. Ich nehme den „Kriegsgedanken“ noch einmal auf. Der klar beobachtbare Zug, daß bestimmte extremistische Fangruppen – so klein sie auch sind – sich nicht damit begnügen, die „Farben ihres Vereins“ oder die „Farben ihrer Region“ mit Kloppergewalt den „andern“ einzuprügeln, sondern dazu übergegangen sind, weiterreichende politische Etiketten ihren Taten anzukleben, Neonazismus und spezifisch rassistische oder religiös bzw. antireligiös definierte Etiketten. Unter zunehmend Kriegsbedingungen wird Fußball wieder Krieg. Und gerade die gewaltbereiten Fans haben den rechten Riecher dafür. Sie spüren – mit Sicherheit genauer als der normalverdängende Normalfan – daß „unser Land“ sich im Krieg befindet. Kriege führt. Das ist eine Art Freifahrtsbillett, das sie für sich selber gern lösen.Ein Teil der organisierten Meute will „dem Mann, der falsch pfeift“ ans Leder, nach dem Spiel; und auch allen anderen „Falschen“. Das Gewaltentladungsritual im Stadion funktioniert für einen Teil der „Fans“ nicht mehr. Sie wollen „Blut sehn im Realen“.Außer Kraft gesetzt werden Zivilisierungsformeln wie: „Die andern können auch Fußball spielen „…“Es kann nicht zwei Sieger geben „…“Es geht nicht immer gerecht zu auf der Welt, aber manchmal gleicht sich das aus«. „Krieg“ demgegenüber heißt, solange auf den Feind einzuschlagen oder einzuwirken, bis er sich nicht mehr rührt.Wer einen bestimmten Pegel körperlicher Gewalt in der Gesellschaft, der seinen Ausdruck und seine Betätigungsfelder sucht, als gegeben annimmt, konnte Fußball als eins der bedeutendsten Mittel benennen, an der Umwandlung dieser Gewaltpotentiale mitzuwirken. Und zwar genau eben dadurch, „immer hart an der Grenze“ zu sein und nicht etwas drüber; immer hart an der Grenze zum taktischen Foul, zum grad noch Erlaubten. Die „Grenze“ verläuft mitten durch den Zuschauer. Exakter gesagt: 95% der Zuschauer in den Stadien bekämpfen Wochenende für Wochenende erfolgreich den eigenen Hooliganismus. Als Möglichkeit liegt er in ihnen wie in den manifesten Hooligans auch. Sie schaffen es aber, diese Potenz wieder abzuschalten, wenn sie das Stadion verlassen und mit der Straßenbahn entschwinden.Die Entwicklung des Spiels in friedliche Richtungen wäre nahezu unbegrenzt; wenn die Beteiligten es wollen. Die erste grundsätzliche Verschiebung, die selbst jeder Kampfsport an der Form „Krieg“ vornimmt, ist die Verwandlung von Feinden in Gegner. Die oberste Regel des Spiels sagt, daß die körperliche Unversehrtheit des andern genau so zu schätzen und zu bewahren ist, wie die eigene. Das geschieht im Spiel durch die permanente Umwandlung von Vernichtungspotentialen in spielerische Techniken. Jedes Stückchen Technikzuwachs ist ein Stück Gewaltabbau. Ziel jedes vernünftigen Trainings ist die Erhöhung der technischen Potentiale der Spieler – gepaart mit den notwendigen Kraft- und Ausdauerpotentialen.Eine Zivilisierungsarbeit durch Erhöhung der technischen Raffinesse leisten andere Spiele zwar auch, und vielleicht sogar besser. Bloß: alle spielen Fußball. Schach, Schwimmen, Rudern, Tennis betreiben nur ein paar. Entsprechend größer das friedenstiftende Potential des Fußballs. Er stellt die größte Vereinigungskugel. Der Tennisball die individuellere. Auch gut. Auch zwanzig gelungene Volley Stops erleichtern den Körper von einer Reihe lastender Beschwerden. Es schreien aber keine 50.000 unisono. Und den Millionenschrei am Fernseher kann man sich höchstens vorstellen; er ist kein vergleichbarer physischer Akt wie der „stadium roar“. Wie eine Meeresbrandung, bemerkte NickHornby. Deren Läuterungspotential ist auch ganz ordentlich.Auf Vereinsseite ist es der größte Beitrag des Fußballs zur allgemeinen Zivilisierung der Umgangsformen in den letzten fünfzehn Jahren, dass die Sensenspieler zunehmend keine Verwendung mehr finden und also nicht nachgezüchtet werden. Die technischen Spitzenspieler müssen durch ebenso technische Deckungsspieler ausgeschaltet werden, nicht durch Kloppen auf die Knochen.Unschätzbar groß dabei ist die Rolle des Fernsehens. Ohne die Wiederholung von Spielzügen im TV, ohne Zeitlupeneinspielungen, angehaltenes Bild in Großaufnahme, ohne Ballberührungsstatistiken, Zählung gewonnener Zweikämpfe, Aufbereitung strittiger Abseitspositionen und vieles Weitere auf dieser Schiene, wäre der Kompetenzblick des Publikums niemals so weit entwickelt worden, wie er es heute ist. Wobei das Fernsehen in großem Maß Frauen als Zuschauer erschlossen hat; mehr als es die „Tatsache Frauenfußball“ allein gekonnt hätte. Die Analyse von wiederholten TV-Aufzeichnungen hat das Wahrnehmungsniveau der Zuschauer überall deutlich angehobenDer schönste Abfuhr- und Verwandlungsvorgang im Stadion ist aber noch nicht benannt: die Entladung durch Erhebung, durch Schönheit. Ein von beiden Mannschaften auf hohem Niveau geführtes Spiel steckt die Zuschauer an und verwandelt sie – Gewinner wie Verlierer – von konkurrenten Einzelwesen in enthusiastische Anhänger von Schönheit. Nicht „work in progress“, sondern „beauty in progress“. Jeder im Stadion lechzt nach schönen Spielzügen, und seien es die des Gegners. In der Überführung von Geacker in ein ästhetisches Erlebnis verwandelt sich das Stadion in genau den Kultort, der die religiösen Kathedralen für die meisten Zuschauer nicht sind. Man möchte nicht gern ohne dieses Erlebnis nach Hause; der kostbare Samstagnachmittag wäre ein halb vergeudeter und man selbst nur ein halb fertiggestelltes Kunstwerk; achtlos weggeworfen vom Künstler als irgendwie mißlungen. Gelingt das Werk aber, dann entsteht diese seltene Zusammenarbeit von Spielern und Publikum, die beide gleich stark erleben: die Gewißheit, die Welt um ein Stück Schönheit erweitert zu haben; eine Schönheit von allerdings sehr flüchtiger Dauer, wie Live Music. Geduldig wartet sie auf den Moment ihres nächsten Eintritts; dies aber in Permanenz.

Akzentverschiebung

In den Sechzigern, Siebzigern und auch noch zum Teil in den Achtzigern waren fast alle sprachlichen Äußerungen gesellschaftlich dissidenter hier aufgewachsener Menschen auf einen politischen Hintergrund bezogen. Die eigenen Lebensentwürfe waren – um sich von den kontaminierten der Elterngeneration abzugrenzen – zwangsläufig utopisch codiert. Jedes alltägliche Detail wurde auf seinen Bezug zu einem besseren Leben befragt. Das war für sehr viele Intellektuelle und Künstler auch ein Spielfeld – gespielt im Feld: „Ich denke mir andere Gesellschaftsmodelle aus“. Womit „der Alltag“ systematisch überfordert war.Die Entwürfe erwiesen sich nach und nach als wenig „lebbar“. So hat das öffentliche Sprechen sich von ihnen entfernt. Mit dem Wegfall des eisernen Vorhangs und der Überbetonung des „Siegs des Westens“ verschwand der Bezug dieser Sprachtopographien und Denkmodelle auf real existierende politische Syste-me. Der politischen Großrede, in der man von der eigenen revolutionären Verwandlung sprach, wurde der Boden entzogen. Zu groß war die Ernüchterung angesichts des schon in den 50ern vonAlbert Camus konstatierten Umschlags so vieler Revolten ins Reaktionäre. Die Verwandlungen einesJoschka Fischer zu einem reaktionären Militärbefürworter überraschten nicht mehr wirklich, sie ödeten nur an. Öffentliches Sprechen, soweit es aufrichtig ist, ist bescheidener geworden seitdem. Das Weichen der Großrede hat das Feld geöffnet für Reden auf einem weniger aufgeladenen Niveau, auf einem Pop-Niveau (das seine Aufgeladenheit dann allerdings heftig nachgeholt hat). Die Rede über Fußball profitierte von dieser neuen Spannungslage. Sie besetzte frei gewordene Kraftfelder im Diskursiven. Man kann das als ein Stück allgemeiner Zivilisierung ansehen. Es ist angenehm, dass nicht mehr jede/r in jeder Diskussion glaubt, dem Gegenüber erklären zu müssen, wie die Welt läuft; wie die Fußball-Welt läuft kann etwas entspannter diskutiert werden.

Das moderne Spiel. Digitalisierung

“Schnelle Ballstaffetten sind deshalb ein zentrales Kennzeichen, an dem wir das moderne Spiel erkennen“, schrieben die Fußballtheoretiker Christoph Biermann/Uli Fuchs in ihrem Buch Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann. Das galt so bis ca. 2012; bis spanische Mannschaften wie Barcelona, die als höchste Verkörperung dieser Spielweise galten, mit einem Male nicht mehr unschlagbar schienen; Barcelona begann zu verlieren, das spanische Nationalteam folgte nach. „Tiki Taka“, wie diese Spielweise bald genannt wurde, der schnellen Ballberührungen wegen, galt mit einem Mal nicht mehr als der letzte Schrei. Es wurde etwas heruntergestuft zu „einem Mittel unter anderen“; behielt im Grunde aber seine Dominanz. Hinzugefügt wurde nur der überfallartige schnelle steile Gegenstoß, der die Lücke in der aufgerückten Viererkette findet und eine noch stärkere offensive Ausrichtung der Außenverteidiger, die seitdem mit Qualitäten von Außenstürmern ausgestattet sein sollten. Was unterschied den schnellen Ballstaffettenfußball von den vorherigen Spielweisen? Die Ballstaffetten waren und sind mehr als bloße effektivere Raumüberwindung. Often gelten sie gar nicht einem sichtbaren Raumgewinn. Sie können quer über den Platz gehen, sie können zurück gehen, jede Ballberührung und Weitergabe bedeutet auch: Der Gegner ist nicht am Ball. Ballbesitzfußball wurde das auch genannt. Das geflügelte Wort vom „Schwindlig-Spielen“ ging vom Einzelspieler auf das Kombinationsspiel einer Mannschaft über: den Gegner ins Leere laufen lassen, indem man immer schon schneller abspielt als man angegriffen werden kann. Bei diesem schnellen Abspiel entstehen Linien auf dem Feld, die, würde man sie sichtbar machen, eher ein dichtes Netz oder Geflecht von Linien ergeben würden, als die langen geometrischen Linien des alten Flugballspiels à la Johann Cruyff. Dort entstanden Tangenten, Dreiecke, lange Rechtecke, eine geometrische Mathematik auf dem Feld. Die schnellen Ballstaffetten des moderneren Spiels zeichnen keine geometrischen Formen, sondern Netzformen über den Rasen. Auf den Linien solcher Netze wird der Ball sozusagen nach vorn billardisiert, nach vorne gerastert könnte man auch sagen. Erst im letzten Moment, dem Moment des sog. „tödlichen Passes“, wo eine Lücke in der gegnerischen Abwehr entdeckt ist, wird er schnell in diese hinein abgespielt. Diese Endstation des Balls muß keineswegs die traditionelle „Sturmspitze“ sein; Mittelfeldspieler oder Verteidiger gehen genauso. Ein Spieler, der die Schwachstellen im Netz des Gegners mit seinen Wahrnehmungskapazitäten erspürt, wird dadurch wertvoller als der Typ des bloßen Ackerers. Die gute oder schlechte Leistung eines Spielers bestimmt sich dann dadurch. wie gut oder schlecht seine Spielwahrnehmung sich in die der ganzen Mannschaft fügt. Seine Aufgaben sind deutlich komplexer geworden. Mir erschien das schon vor Jahren als eine Verschiebung zu einer Art digitalen Anlage des Spiels hin, anstelle der vorher mehr geometrisch orientierten. Bei Jugendlichen, die heute von früh auf in Berührung mit elektronischen Technologien aufwachsen, bildet sich die Vorstellung einer „linearen Zeit“ und die Vorstellung eines „perspektivischen Raums“ (die für uns ältere eine gehirnliche Zwangsvorstellung ist) nicht mehr zwangsläufig aus – so der Medientheoretiker Vilém Flusser. Sie entwickeln auch nicht mehr das, was wir das historische Bewusstsein nennen; sie entwickeln nicht die Idee von einer „hierarchischen Tiefe“ des Raums. Sie können sie nicht entwickeln, sagt Flusser, weil an die Stelle der alten Raum- und Zeitordnungskategorien der digitale Code tritt, das heißt ein Denken in Bildern und Formeln, das der alten alphabetisch-geometrischen Welt-Raum-Ordnung entgegensteht; und womöglich sogar mit ihr unvereinbar ist. Auf der Buchstabenebene entspricht solcher Wahrnehmungsverschiebung das Faible der Jungen für die diversen Spielarten der Fantasy-Literatur, die in großen Zeit- und Raumsprüngen arbeitet und sich nicht mehr am alten Zeit-Raum-Kontinuum orientiert. Das leuchtet unmittelbar ein. „Historisches Bewußtsein“ – dessen Fehlen den Jungen ja allenthalben attestiert wird – kann sich dabei kaum entwickeln. Mit Dingen wie dem Kurz- oder Langzeitgedächtnis hat das nichts zu tun. Die Entwicklung kündet von gehirnlichen Veränderungen, denen das „Geschichtliche“ im alten Sinn schlicht nicht mehr kompatibel ist. Es sind auch ganz andere Spiele anstelle der alten getreten; eine ganze neue Welt in den Sphären des Elektronischen ist entstanden, in der die Jungen sich bewegen wie der Fisch im Wasser; in der wir älteren zunächst festliegen wie der Fisch auf dem Trockenen. Wenn die Hirnveränderungen, die Vilém Flusser (und inzwischen auch weitere Theoretiker) bei der jungen Generation als Folge radikaler Elektronisierung der Wahrnehmungs- und Denkvorgänge irreversibel eingeleitet sieht, so geschehen sind, dann müssen sie auch im Gehirn junger Fußballer ihre Spuren hinterlassen haben. Dann müssen sie auch in Taktik und Systematik des Fußballspiels selber sichtbar und erkennbar sein. Eben das wird sie tatsächlich in der „Tiki Taka“-Spielweise, die ich oben beschrieben habe. Das „Netz“, das die Linien des Balls auf das Feld zaubern, „entspricht“ elektronisierten Netzwerken, wie sie sich in den Körpern der Spieler und in der Teamstruktur finden. Das führt zur Frage, wie denn der Umgang der neuen Spielergenerationen mit dem Elektronischen beschaffen ist. Ein Testfeld, das sich anbietet, ist natürlich das elektronische Fußballspiel selber, das mit Spielconsole am Monitor gespielt wird; Copyright bei der FIFA, herausgebracht jedes Jahr neu mit jeweiligen aktuellen Veränderungen. Schon vor gut zehn Jahren wurde bekannt, dass Nintendo und andere Konsolen einen erheblichen Einbruch in das vorher flächendeckende Zocken mit Spielkarten bei den Fußballspielern auf Busreisen erzielt haben. Von der WM in Südkorea/Japan wurde berichtet, dass es eine mittlere Panik gab, als sich herausstellte, dass die europäischen Konsolen nicht ohne weiteres an die japanischen TV-Geräte anzuschließen waren. In einm Artikel von Malte Oberschelp im Magazin Elf Freundefand ich dann eine erste theoretische Betrachtung dieser Entwicklung: In ihrer Verschränkung von Kommerzialisierung und Pop-Appeal bilden Computersimulationen die zeitgemäße Entsprechung zu einem Spiel, das sein Selbstverständnis als authentischer Volkssport längst hinter sich gelassen hat. Der Fußball und sein digitales Abbild sind eine untrennbare Symbiose eingegangen, in der die Grenzen verschwimmen. Sony wirbt seit 1997 als einer der Hauptsponsoren der Champions League für die PlayStation, der Hersteller Sega war in der Saison 2001/02 mit seinem Konkurrenzmodell Dreamcast auf den Trikots des englischen Meisters Arse-nal präsent. Oberschelp beschreibt die neue „Realitätsnähe“ in diesen Computerspielen: Die Kader der Teams sind mit den echten Mannschaften identisch, von Jahr zu Jahr werden selbst die Gesichter der Spieler ihren Vorbildern immer ähnlicher. Die Bewegungsabläufe werden von Stars aus Fleisch und Blut minutiös abfotografiert und dann von Dutzenden Programmierern grafisch umgesetzt, es kommentieren die aus dem Fernsehen bekannten Stimmen. Als Spieler kann man aus einer Fülle von indivi-duellen und mannschaftstaktischen Möglichkeiten schöpfen. Auswechslungen, trick-reiche Übersteiger, Abseitsfalle, Fallrückzieher und taktisches Foul? Gar kein Problem – solange man die entsprechende Tastenkombination am Controller nur flink genug parat hat. (…) Heute bringen nur Spitzenteams solch genaue Pässe zustande, die daheim am Fernsehschirm längst gang und gäbe sind. Mit anderen Worten: das Spiel an der Console kann komplexer sein und auch eleganter als das Spiel im Stadion auf dem Rasen. Das brachte mich, als ich dies zum ersten Mal hörte, auf die spontane Feststellung: dann müsste selbst ein Michael Ballack oder Zinedine Zidane fußballerisch ja noch dazulernen können, wenn sie „sich selber“ mit der Konsole spielen. Sie zu fragen, hatte ich keine Gelegenheit. Aber der Fußballjournalist Christoph Biermann hatte; zwar nicht mit diesen beiden, aber mit einem Spieler, der noch aktiv in den Stadien herumzaubert. Christoph Biermann interviewte vor einiger Zeit Lionel Messi in Barcelona. Er hatte gehört, dass Messi auch ganz großartig an der Console sein soll. Und er hat ihn gefragt: Welcher Messi kann mehr, der auf dem Rasen oder der an der Console, wenn er von Messi selber gespielt wird. Messi habe nach einer kleinen Pause lächelnd geantwortet: der Messi mit der Console. Er sei z.B. dabei, einen bestimmten Schuß, den er mit dem „Messi“ auf dem Monitor hinbekomme, im Training auf dem Rasen zu üben. Und da hat er ihn noch nicht geschafft. Das heißt, der körperliche Messi nimmt den digitalen Messi zum Vorbild bei der Verbesserung seiner fußballerischen Technik. – Hat mich gefreut, das zu lesen. Wahrscheinlich sehen wir Samstag für Samstag in den Stadien oder im Fernsehen Proben dieser Umschaltung in Aktion. In den Spitzenteams erscheint diese neue Qualität als Fähigkeit, von fixen Spielsystemen abzusehen. Verschiedene Spielsysteme werden zunehmend kombiniert. Elektronisierte Spieler erkennen das jeweils Nötige besser und schalten entsprechend um. Bestimmte „Tugenden“, die früher bestimmten Nationen zugeschrieben wurden: „deutsche Tugenden“, italienische, holländische, spanische, französische, englische, ja sogar die „brasilianischen“ liegen somit in Spielern aller Länder vor. Sie verfügen über ein Arsenal von Spielweisen, abgespeichert in ihrer Bewegungsstruktur sowie in ihrem zunehmend „digitalisierten“ Gehirn. Digitalisierung und „neue Körperlichkeit“ greifen ineinander, auch ohne dass unbedingt ein „Chip“ in den Körper eingepflanzt werden muss. Und, was den Nationen bis heute so schwerfällt: anzuerkennen, dass sie im Prinzip nicht von anderer Art sind als ihre nächsten oder auch die ferneren Nachbarn: im Profi-Vereinsfußball ist dieser Schritt geschafft. Kein Bayer, soweit er Fußball-Narr ist, stört sich daran, daß zu den effektivsten (und auch zu den spielerischsten) Spielern ein Holländer und ein Franzose zählen, dazu ein Spanier und ein schwarzer Österreicher, neben drei, vier sporadischen Einheimischen; ganz hinten drin ein aus dem Ruhrpott geraubter Herr Neuer. Sie alle passen, verletzt oder auflauffähig – in dieselbe Kugel; in das All im Ball. So dass ich, als ich zuerst über Fußball schrieb, vorschlagen konnte, den im Spiel der Theorien von Ernst Jandl ironisch auf eine bestimmte Gruppe von Lacanisten gemünzten Vers: Phallus klebt Allus ein wenig zu verändern; nämlich das „Ph“ durch ein „B“ zu ersetzen. Ein Vorschlag, dem „die Realität“ allerdings nicht recht folgen will.

Quelle: TLZ, 05. April 2015

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