Der kommende Spieltag, ein gekillter Fan in Polen und der Streik der Bahner

Update 01. Juni 2015 – Weitere Artikel von footballuprising zu diesem Thema:
Streiksupport im Fußballstadion
Nachbetrachtung und Richtigstellung: Ein toter polnischer Fan, ein beendeter Streik und (keine) klassenkämpferische(n) Ultras
Bratwurst oder Bambule?

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Das kommende Wochenende verspricht fußballerisch allergrößte Spannung. In den letzten Spieltagen der Saison werden Meister gekürt, Auf- und Abstiege besiegelt und in der 1. Bundesliga werden zusätzlich noch die Teilnehmer für die europäischen Pokalwettbewerbe ermittelt. Doch auch darüber hinaus könnte der kommende Spieltag an Brisanz gewinnen. Von der polnischen Fanszene gibt es einen an die Nachbarländer gerichteten Solidaritätsaufruf aufgrund des von einem Bullen getöteten Fans. Und auch der am Dienstag begonnene Streik der Lokführer sowie anderer Teile des Bahnpersonals wird mindestens indirekten Einfluss auf die An- und Abreisewege zehntausender Fußballanhänger haben. Ob sich die (organisierten) Fußballfans jedoch solidarisch zu den kämpfenden Arbeitern bei der Bahn verhalten, diesem Streik gleichgültig gegenüberstehen oder aber im Chor des Mainstreams gegen ihn krakeelen werden, bleibt abzuwarten.

Als der Streik des Zugpersonals letzten Dienstagmorgen begann, erinnerte ich mich wieder an folgende Zeilen: „Man muss nur Parallelen ziehen, unser Leben und unseren Alltag kritisch betrachten, sich einmischen und fortschrittliche Bewegungen und Proteste unterstützen […] Dann geht es nicht mehr um ein verlorenes Spiel oder eine wunderbare Choreografie, dann geht es um das Leben aller, die an diesem System (und damit an ihrem Leben) etwas ändern möchten.“ So stand es in dem kürzlich im Ultra-Fanzine Blickfang Ultra erst- und auf unserem Blog dann wiederveröffentlichten Text ULTRAS: Werte fürs Leben!. Die Aufstände der letzten Jahre – mit großer Beteiligung von Fußballfans in Ägypten, Brasilien sowie der Türkei – vor Augen, setzten sich die Verfasser mit dem Protest-Potenzial der hiesigen Ultraszene kritisch auseinander. Sie verhehlten auch nicht, wohin ihrer Meinung nach die Reise gehen sollte: „Wir müssen erkennen, dass wir unseren kritischen Blick im Bezug auf Kommerzialisierung, Polizeigewalt und (Vereins-)Politik nicht nur rund um den Fußball einsetzen.“

Ich war relativ überrascht, dass dieser Beitrag nicht für etwas mehr Gesprächsstoff sorgte. Ob dies daran lag, dass die genannten Länderbeispiele als zu weit weg und die Möglichkeiten einer wirklichen Revolte in diesem Land relativ abstrakt erscheinen müssen oder aber die Verfasser dieses Textes – ein sogenannter ACAB-Freundeskreis – den Willen der deutschen Ultraszene, auf gesamtgesesellschaftliche, politische Geschehnisse Einfluss zu nehmen, überschätzen, vermag ich nicht zu beurteilen. Eine gewisse Skepsis diesbezüglich kann ich jedoch nicht verhehlen. Wenn die Verfasser allerdings recht haben sollten, dann dürften sie wahrscheinlich von den derzeitigen Entwicklungen entzückt sein. Denn mit ziemlicher Sicherheit dürfte es in naher Zukunft kaum bessere Möglichkeiten geben, sich einzubringen, als sie der momentan laufende Streik bei der Bahn bietet. Solibanner für den ermordeten polnischen Fan – die es sicherlich reichlich in den Stadien am kommenden Wochenende zu sehen geben wird – gehören ja quasi zum (Anti-Repressions-)Kerngeschäft der Ultrabewegung. Eine Unterstützung von streikenden Arbeitern würde jedoch weit darüber hinaus gehen. In der Türkei gab es solche Beispiele schon zu beobachten, in Deutschland hingegen sind, zumindest mir, bisher keine bekannt. Bezugspunkte zwischen (Teilen) der Ultraszene und den Streikenden gäbe es eigentlich wirklich genug. Aber wäre sowas wirklich denkbar? Hier bei uns? In diesem verfluchten Deutschland?

In diesem Sinne – it’s your turn!

R. (footballuprising.blogsport.eu)

Ständig aktualisierte Infos, Berichte und Analysen zum Streik bei der Bahn:

http://www.labournet.de/category/branchen/dienstleistungen/bahn/bahn-gewerkschaften/bahn-gewerkschaft-gdl/

Zum Weiterlesen und vielleicht auch zur Inspiration:

Kürzlich in der Türkei. Fußballfans verbünden sich mit streikenden Arbeitern.
http://lowerclassmag.com/2014/05/istanbul-diaries-viii-mehr-als-ein-spiel-die-ultras-von-kizilaslan/

Nochmal Istanbul. Türkische Fußballfans und der Gezi-Park-Aufstand.
http://footballuprising.blogsport.eu/2015/01/02/die-hippie-hools-vom-gezi-park/
http://footballuprising.blogsport.eu/2014/12/02/carsi-wir-sind-gegen-alles/

Letzter Kampf bei der Berliner U-Bahn. Technofreaks besuchen streikende Arbeiterinnen und Arbeiter mit Sound-System, guter Laune, Kaffee und Kuchen…
http://hedonist-international.org/?q=en/node/577

Berliner Müßiggängster mischen 1€-Job-Werkstätten auf.
http://labournet.de/diskussion/arbeit/aktionen/berlinsp05.pdf

Subversive Malocher verscheißern den DGB.
http://klassenlos.tk/data/pdf/michi.pdf

Die 7 Totschlagargumente gegen die GDL und die Antworten der STREIKZEITUNG.
http://www.fau-duesseldorf.org/nachrichten/die-7-totschlagargumente-gegen-die-gdl-und-die-antworten-der-streikzeitung

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4 Kommentare zu Der kommende Spieltag, ein gekillter Fan in Polen und der Streik der Bahner

  1. Pingback: Zeckenbiss online plus Klassenkampf « SANKT PAULI MAFIA

  2. Karl sagt:

    Neben den Lokführern sollte man sich dann aber auch für die Kita/Sozialeinrichtungen Streikenden einsetzen! Dieser Personenkreis hat eine extrem große Verantwortung für unsere Zukunft.
    Wenn ich immer höre „Verdienen Richter in Deutschland genug? – Entlohnung nach übertragener Verantwortung“ – klar hat ein Richter einer Verantwortung, aber ist diese höher zu bewerten, wie die Verantwortung unserer Kinder/Zukunft gegenüber?

    Also wenn Solidarität, dann mit allen Streikenden.

  3. Eine – etwas ausführlichere – Antwort auf Karl’s Kommentar findet sich hier: http://footballuprising.blogsport.eu/2015/05/08/bratwurst-oder-bambule/

  4. Pingback: LabourNet Germany: Treffpunkt für Ungehorsame, mit und ohne Job, basisnah, gesellschaftskritisch » Solidarität mit dem Streik der GDL!

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