Die letzten Revolutionäre

Sport, Fußballfans in Ägypten, Mohammed Mursi, Muslimbruderschaft, Stadion, Ägypten, Istanbul, Kairo, Zamalek

Von Fabian Köhler

Ägyptische Ultras galten als Sturmtruppe des Arabischen Frühlings. Jetzt gelten sie als Terroristen. Den Preis der Revolution zahlen sie bis heute, sagt einer von ihnen.

Der Nachmittag, an dem Yussuf zum Terroristen wurde, begann mit einem „Humba Humba Täterä“. Eigentlich sollte an diesem 8. Februar sein Club, der ägyptische Fußball-Erstligist Zamalek SC, gegen den Kairoer Stadtrivalen ENPPI antreten. Eigentlich sollte es das erste Spiel seit drei Jahren werden, das Yussuf live im Stadion hätte verfolgen können. Doch als Yussuf wieder nach Hause ging, waren viele seiner Freunde tot. Da hatte das Fußballspiel noch nicht einmal begonnen.

Yussuf ist Ultra. So heißen jene Fußballfans, die sich nicht nur in Ägypten als besonders leidenschaftliche Anhänger ihres Clubs verstehen. Doch in Ägypten haben sie in den vergangenen Jahren besonders viel erlebt, erleben müssen. Yussuf und die anderen Anhänger der Zamalek „White Knights“ sollen Schuld sein am Tod von 22 Menschen an eben diesem 8. Februar vor dem Stadion in Kairo. Geld von der verbotenen Muslimbruderschaft sollen sie für die Ausschreitungen bekommen haben. Ein ägyptisches Gericht hat die White Knights und sämtliche andere Ultra-Gruppen deshalb im Mai zu terroristischen Vereinigungen erklärt. Einige ihrer Mitglieder wurden gar zum Tode verurteilt.

„Die meisten meiner Freunde wurden schon verhaftet“, erzählt Yussuf, der es deshalb für besser hält, wenn ägyptische Behörden seinen echten Namen nicht in einem deutschen Medium lesen können. „Das Regime will sich an uns rächen.“ So erklärt er das Vorgehen der ägyptischen Justiz. Sein Gesicht ist unrasiert, seine Locken lang, seine Worte leise. Vielleicht sieht so aus, wer vier Jahre erfolglose Revolution hinter sich hat.

Die ägyptische Version von ACAB heißt „Ash-shab yurid isqat an-nizam“

Das Engagement von Ultras endet nicht mit dem Abpfiff. Nicht nur in Ägypten.  ACAB – „All Cops Are Bastards“, das schreiben sie überall auf der Welt auf ihre Transparente. In Deutschland werfen Ultras nicht nur Bengalos aufs Spielfeld, sondern im besten Fall auch Nazis aus dem Stadion. In Istanbul lieferten Ultras und Polizisten sich auch Straßenschlachten, als es um den Erhalt des Gezi-Parks ging.

Die ägyptische Version von ACAB heißt „Ash-shab yurid isqat an-nizam“ – „Das Volk will den Sturz des Regimes“. Ultragruppen wie Zamaleks White Knights oder die Ultras Ahlawy des Kairoer Lokalrivalen Al-Ahly galten im Frühjahr 2011 als Sturmtruppe des Arabischen Frühlings. Politisiert, hoch organisiert und erfahren im Straßenkampf, protestierten Tausende von ihnen auf dem Kairoer Tahrir-Platz. Bis ihr Angstgegner, Ägyptens Langzeit-Diktator Hosni Mubarak, vom Platz ging.

Doch im Gegensatz zu vielen anderen Ägyptern blieben die Ultras auf der Straße: Als die Muslimbruderschaft entgegen aller Ankündigungen doch nach der Macht im Staat griff. Als im August 2014 Militär und Polizei Hunderte Demonstranten auf dem Rabia-Platz niederschoss. Als sich Armeechef Abdel Fattah al-Sissi an die Macht putschte. Und den ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, Mursi, hinter einer jener Gefängnismauern verschwinden ließ, hinter denen Hunderte ägyptische Fußballfans längst saßen.

Am Ende des Spiels waren 74 Menschen tot

„Als die Revolution begann, wurde jeder im Land politisch“, sagt Yussuf. Nur die wenigsten Ultras sympathisieren tatsächlich mit der Muslimbruderschaft. Den meisten geht es wohl einfach darum, ihre Subkultur Fußball zu verteidigen. „Wir sind einfach junge Menschen, die sahen, dass etwas schief läuft in diesem Land und ein selbstbestimmtes Leben führen wollen.“ Den Preis für Revolution, sagt Yussuf, zahlten sie bis heute, „jeden Tag“.

Vor sieben Jahren schloss er sich den Ultras des elfmaligen Meisters und 21-fachen Pokalgewinners Zamalek an: „Es ging uns um Fußball – sonst nichts.“ Sein BWL-Studium brach er ab, um öfter ins Stadion gehen zu können. Nach Beginn des Arabischen Frühlings jobbte der 24-jährige bei einer Marketingfirma in Kairo. Heute ist er wie die meisten ägyptischen Männer seines Alters arbeitslos. Und auch zum Fußball geht er nicht mehr. Seitdem die Straßenschlachten nicht mehr mit Anhängern von Al-Ahly, sondern mit Polizisten und Soldaten stattfinden. Seitdem ägyptische Behörden Ultras wie Terroristen behandeln.

Seit drei Jahren finden in Ägypten Erstligaspiele fast immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Behörden haben gegenüber Ultras ein Stadionverbot verhängt, weil bei einem Spiel in Port Said im Februar 2012 Dutzende Menschen ums Leben kamen. Das ägyptische Staatsfernsehen zeigte Bilder, wie Fans des Gastgebers Al-Masry auf Anhänger von Al-Ahly einprügelten.

Anhänger beider Clubs machten hingegen den damals noch herrschenden Militärrat für das Massaker verantwortlich. Augenzeugen berichteten, wie sich bewaffnete Gruppen unbehelligt durch die sonst strengen Sicherheitskontrollen unter die Fans von Al-Masry mischen konnten. Polizisten sollen während des Spiels die Tore des Al-Ahly-Blockes verschlossen und den Übergang zum Al-Masry-Block geöffnet haben. Am Ende des Spieles lagen 74 Menschen erstochen, zu Tode geprügelt oder getrampelt auf den Rängen und dem Spielfeld. Auch eine durch den damaligen Präsidenten Mohammed Mursi initiierte Untersuchung machte die örtliche Polizei und Schlägerbanden verantwortlich. Doch nur zwei Polizisten mussten ins Gefängnis. Elf Fußballfans wurden zum Tode verurteilt.

„Sie wollen uns vernichten, weil wir die letzten sind, die von der Revolution übrig sind“, sagt Yussuf. „Blutige Rache“,  „Last man Standing“, „Gut gegen Böse“: Wenn Yussuf von seinem Leben als Ultra erzählt, erinnert das weniger an Fußball als an klischeehafte ägyptische Actionfilme. Und die Rolle des Oberschurken spielt Mortada Mansour.

Er ist der Präsident von Zamalek. Formell. Auch seine Rolle reicht weit über den Fußball hinaus. Nicht nur unter Ultras gilt Mansour als Scherge des alten Regimes. Bis zuletzt unterstützte der Jurist den gestürzten Präsidenten Mubarak. Als seine eigene Präsidentschaftskandidatur scheiterte, wurde er zum leidenschaftlichen Anhänger des heutigen Präsidenten al-Sissi. Die Klage, die Yussuf und die White Knights verantwortlich für die Ausschreitungen am 8. Februar und alle Ultras des Landes zu Terroristen machte, stammt von ihm.

„Es war wieder wie auf dem Tahrir“

„Mansour selbst hatte uns im Fernsehen eingeladen“, erzählt Yussuf von jenem Nachmittag. „Wir sollten vergessen, was war und gemeinsam unser Team anfeuern. Wir haben ihm geglaubt.“ Fernsehbilder zeigten, wie sich Tausende Fans in einer schmalen Gasse vor dem Einlass drängten. Tränengas. Brennende Autos. Menschen, die sich verzweifelt gegen einen Zaun stemmten. Vor Gericht erklärte Mansour, die Fans hätten ohne Tickets ins Stadion gewollt und sich in ihrem Wahn gegenseitig das Leben genommen. Yussufs Erinnerung könnte unterschiedlicher kaum sein:  „Wie immer haben wir vor dem Spiel auf dem Tor gefeiert. Doch diesmal war alles anders.“

Nicht nur, weil das Tor ungeöffnet blieb und Stacheldraht die Zäune versperrte. Plötzlich habe die Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen in die Menge gezielt: „Wir versuchten in Richtung der Polizei zu fliehen, aber sie haben uns niedergeknüppelt. Wir konnten nirgendwo hin. Es war wieder wie auf dem Tahrir“, sagt Yussuf. 22 Fußballfans starben: im Tränengas erstickt, am Tor zerquetscht, in Panik zu Tode getrampelt. Gespielt wurde dennoch.

 Im ägyptischen Fernsehen rühmte sich Mansour später, er selbst habe den Polizeieinsatz gegen die Ultras angeordnet: „Sie sind ein kriminelles Phänomen, das ausgerottet werden sollte.“ Noch am Tag des Urteils vom 17. Mai verhaftete die Polizei die ersten Fußballfans.

„Wenn Menschen sterben, kannst du nicht still bleiben“, sagt Yussuf mit dem Pathos eines ägyptischen Filmhelden. Auch ohne Fußball will er weiter skandieren. Nur die Hymne, die die White Knights jetzt singen, klingt nicht mehr wie früher: „Ihr Mörder, wir vergessen nicht die Blutsbrüder, die ihr getötet habt. Ich schwöre, wir kommen zurück.“

Quelle: 24. Juni 2015, Zeit Online

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