«Das Bedürfnis nach Zero Tolerance wächst»

An das Europa League-Spiel gegen den FC Chelsea wurde Schiller von der Muttenzerkurve eingeladen. Quelle: KEYSTONE
An das Europa League-Spiel gegen den FC Chelsea wurde Schiller von der Muttenzerkurve eingeladen. Quelle: KEYSTONE

Von Benjamin Rosch

Manuela Schiller ist Fan des FC Zürich. Zudem vertritt sie seit Jahren Ultras aus der Muttenzerkurve. Im Interview spricht sie über Pyros, Freiräume und Repression gegenüber der Fanszene

Jüngst sorgte der Fall in St. Gallen für Aufsehen, in welchem zwei Securitas-Mitarbeiter wegen Falschaussagen gegen Fans des FC Basel verurteilt wurden. Vor wenigen Wochen pfiff das Basler Appellationsgericht die Staatsanwaltschaft wegen eines übertriebenen Rayonverbots zurück. Immer wieder im Fokus ist dabei die Rechtsanwältin Manuela Schiller, die die Rechte von Ultras und Fussball-Fans verteidigt.

Manuela Schiller, Sie konnten in der Rechtsvertretung von Fussballfans mehrfach vor Gericht reüssieren. Fasst die Justiz Fussballfans zu hart an?

Manuela Schiller: Das ist schwierig zu beantworten, man kann das nicht verallgemeinern. Gewaltdelikte allgemein werden in der Schweiz härter bestraft. Ein Gericht kann sich auch nicht dem Zeitgeist entziehen. Raser werden heute auch strenger bestraft als früher.

Raser und Fussballfans befinden sich also im gleichen Fahrwasser und werden deshalb mehr überwacht und härter bestraft?

Man muss hier unterscheiden zwischen der Justiz und Verwaltungs- und Überwachungsmassnahmen, welche in der Ermittlung oder der Administration angewendet werden. Überwachung ist heute auch viel einfacher dank technischer Hilfsmittel. Ich glaube, dass in unserer Gesellschaft generell das Bedürfnis nach «Zero Tolerance» wächst. Bei jeder Volksabstimmung würde ein härteres Zupacken unterstützt.

Nicht nur vonseiten des Staats, sondern auch durch Sicherheitsfirmen und der Liga – Stichwort «Focus One» – wird durchgegriffen. Was bedeutet das?

Es ist eine Sache, wenn das Stadion überwacht wird, das ist ein privater Raum. Wird aber auf der Strasse von Privaten gefilmt, ist das sehr problematisch. In Zürich ist genügend Geld gesprochen worden für eine gut ausgerüstete Polizei, sogar mit Drohnen. Meiner Meinung nach bräuchte es hier «Focus One» gar nicht – zudem erhält die Polizei inzwischen auch noch viele private Aufnahmen. Wenn staatliche Aufgaben an Private ausgelagert werden, wie dies in einigen Baselbieter Gemeinden oder auch in der zentralen Ausnüchterungsstelle in Zürich getan wird, um Geld zu sparen, ist das heikel.

Pyros galten einmal als Stimmungsmacher, heute werden sie mit Gewaltexzessen in Verbindung gebracht. Warum ist das so?

Meiner Meinung nach hat es früher nicht mehr Gewaltexzesse gegeben. Aber früher gab es auch keine privaten Videos, keine Online-Portale, die um Klicks buhlen. Heute geht das alles viel schneller und es findet eine Empörungsbewirtschaftung statt. Megafone, Vermummte auf Fanmärschen – das sieht ja auch gefährlich aus und die Öffentlichkeit kriegt das viel mehr mit als früher. Politiker und Medien haben dieses Klima herbeigeredet. Dazu wurde natürlich früher auch weniger gezündet, auch wenn die Fans damals auch nicht braver waren.

Es gibt auch immer wieder Verletzte.

Pyros sind nicht verboten, weil sie gefährlich sind. Als Mutter sollte man doch viel mehr Angst haben, dass das Kind vom Auto überfahren, als dass es in der Kurve verletzt wird. Aber so funktioniert es nicht: Ängste sind irrational.

Überwachung durch Videoaufnahmen, Einschränkung der Mobilität durch Rayonverbote. Ist Fussball ein juristisches Experimentierfeld?

Das erste mal, dass Rayonverbote möglich wurden, war 1994: Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht. Schon damals haben wir gesagt: Man fängt immer bei jenen an, die keine Lobby haben. Dann kamen Rayonverbote mit häuslicher Gewalt. Und dann kam das Hooligankonkordat.

Im Zusammenhang mit der Euro 08.

Ja. Bevor man das Hooligankonkordat eingeführt hat, hat man im Bundesgesetz über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS) einen Vorläufer davon integriert – mit hoher Dringlichkeit, wegen der EM. Ich war damals an der Debatte in Bern. Bundesrat Christoph Blocher hat damals sogar gesagt, dass er wisse, dass das verfassungswidrig sei. Das war allerdings befristet und nach der EM hat man daraus das erste und zweite Hooligankonkordat gemacht. Der Inhalt war aber identisch.

Wie beurteilen sie die zukünftige Entwicklung: Gibt es eine Abkehr von der Repression oder wird diese weiter zunehmen?

An den Unis Konstanz und Erlangen in Deutschland führt man seit 1989 mit Jus-Studenten eine Langzeitstudie durch. Im Zuge der Untersuchung werden sie befragt, ob sie die Todesstrafe oder die Folter unter gewissen Umständen akzeptieren würden. 2012 war knapp ein Drittel für die Todesstrafe, knapp die Hälfte für die Zulässigkeit von Folter. Das hat im Vergleich mit vor 25 Jahren zugenommen und zeigt: Der Wille der Schweiz und Europa tendiert zu mehr Repression.

Sie vertreten Fans unterschiedlicher Lager. Wie unterscheiden sich die Fanszenen in der Schweiz?

Ich sehe da auch nicht sehr weit hinein. Gerade bei den Ultras gibt es viel mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Kurven, als diese glauben wollen. Einen Unterschied stellt Zürich dar: Dadurch, dass es zwei Clubs gibt, wird die Feindschaft in viele Alltagsbereiche getragen.

Beobachten sie eine Entwicklung? Wie haben sich Fankurven über die Jahre verändert?

Es hat sehr viel mehr Frauen, mehr Studenten und mehr Linke als früher. Mir kommt es vor, als wäre die Kurve vielmehr eine Jugendbewegung geworden als früher. Rassismus hat zudem stark abgenommen. Vor langer Zeit ging ich mal an ein Spiel mit einem T-Shirt mit der Aufschrift «Kein Mensch ist illegal». Da gingen Rechtsextreme auf mich los – heute undenkbar.

Woher rührt ihre Verbindung mit der Muttenzerkurve?

Das kommt von der Auseinandersetzung im 2004, der Kessel von Altstetten. Damals hatte ich das Gefühl, die Polizei trainiere hier einfach an Fussballfans. Deshalb wollte ich dieses Mandat übernehmen. Das war der Grundstein für eine gute Vertrauensbasis mit der Muttenzerkurve und dem Basler Fanprojekt, welches sehr professionell arbeitet.

Als FCZ-Urgestein Urs Fischer als neuer Trainer des FC Basel vorgestellt wurde, hat dies kürzlich für Wirbel gesorgt. Ist bei Ihnen die Herkunft aus Zürich egal?

Bei der Muttenzerkurve war meine Zürcher Identität kaum je ein Thema. Ich glaube, die Leute haben Vertrauen gefasst, weil ich zwar Anwältin bin, aber nicht so Juristen-mässig daherkomme. Ich bin ein Fremdarbeiterkind und Fussballfan. In Zürich hingegen wurde ich anfangs von einigen als Verräterin bezeichnet. In meinem Umfeld habe ich natürlich viele dumme Sprüche gehört. In Basel wurde ich aber auch schon eingeladen, beispielsweise an Europa League-Spiele gegen Chelsea oder Tottenham. Das gleiche Gefühl wie in der Südkurve kam natürlich nicht auf.

Sie sagten einmal: «Die Jugend braucht Freiräume». Ist die Kurve ein Freiraum?

Das kommt darauf an, wie man Freiraum definiert. Es soll schon nicht sein, dass man einfach die Sau rauslassen kann. Heute ist es aber sicher so, dass eine Kurve ein Ort ist, wo sich junge Leute sozialisieren und ihre Grenzen ausloten. Ich finde es bedenklich, dass die Gesellschaft dies grundsätzlich nicht akzeptieren will. Die Jugend muss sich immer ein wenig abgrenzen. Heute sind die meisten Freiräume vom Konsum beherrscht.

Manuela Schiller
Manuela Schiller ist 1957 geboren und in Dietikon aufgewachsen. 1989 schloss sie das Anwaltspatent ab. Im Laufe ihrer Tätigkeit spezialisierte sie sich auf die Bereiche Mietrecht, Strafrecht, Ehe-, Scheidungs- und Konkubinatsrecht sowie Ausländerrecht und Grundrechte. Schiller war zudem während mehrerer Jahre Vorstandsmitglied der Alternativen Liste Zürich (AL).

Quelle: 03. Juli 2015, bz Basel

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Schweiz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.