Zurück an der Front. Fankultur im ehemaligen Jugoslawien

Folgender lesenswerter Artikel aus der aktuellen Ausgabe von Ultrash Unfug No. 9 wurde uns von den Babelsberger Kollegen zur Verfügung gestellt.

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Von Holger Raschke

Die Geschichte der jugoslawischen Fankultur ist eng verbunden mit dem Ende des Vielvölkerstaates, das in den blutigen Kriegen der 1990er Jahre mündete. Dies liegt vor allem auch an der zeitlichen Überlappung. Ansätze von Fankultur gab es bereits vor dem Zweiten Weltkrieg im ersten Jugoslawien der 1930er Jahre. Im sozialistischen Jugoslawien dauerte es jedoch bis zu den 1980er Jahren, ehe die italienische Ultra-Welle und Ingredienzien der britischen Fanszenen in die jugoslawischen Kurven schwappten und mit einer Portion Lokalkolorit eine faszinierende Fankultur hervorbrachten.

Im Gegensatz zu den Staaten des Ostblocks, die der UdSSR nahe standen, konnten sich Jugend- und Subkulturen im sozialistischen Jugoslawien relativ frei entfalten, was zu einer vielfältigen, subkulturellen Landschaft vor allem in den urbanen Zentren führte. Dazu gehörte auch die jugoslawische Fankultur, die vor allem von einer großen Rivalität insbesondere zwischen den großen Clubs Hajduk Split, Dinamo Zagreb, Partizan und Roter Stern Belgrad gekennzeichnet war. Die von jugendlicher Protestkultur und der Ablehnung der staatlichen Autoritäten beeinflussten Fanszenen waren hierbei besonders empfänglich für nationalistische Ideen, die im sozialistischen Jugoslawien von offizieller Seite unterdrückt wurden. Mit der schweren wirtschaftlichen und politischen Krise in den 1980er Jahren fanden nationalistische Einstellungen überall in der Gesellschaft verstärkten Zuspruch, sodass die Fankurven keinesfalls das alleinige Sammelbecken derartiger Strömungen darstellten. Aber im Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Sphären konnten nationalistische Tendenzen im Stadion im Schutz der Masse leichter artikuliert werden. In den jugoslawischen Republiken Kroatien und Serbien versuchten nationalistische Politiker deshalb gezielter die Fußballfans für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Andererseits nahmen viele Fangruppen die Unterstützung gerne an und schlüpften in die Rolle der Speerspitze der nationalistischen Bewegungen. Das Klischee von den nationalistischen Fußballfans aus Jugoslawien ist dementsprechend weit verbreitet, aber auch unvollständig.

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Die Bevölkerungszusammensetzung in der jeweiligen Stadt beziehungsweise der Region hatte nämlich einen großen Einfluss auf die politische Positionierung der Fanszenen. Während sie in Städten wie Belgrad, Zagreb und Split relativ homogen war, gab es auch Städte und Regionen, die deutlich heterogener waren wie zum Beispiel Novi Sad in der nordserbischen Vojvodina oder die Regionen Bosnien und Herzegowina. Durch die multiethnische Bevölkerung waren auch die Fanszenen und Fanclubs gemischter, wodurch der sich in einigen Landesteilen zuspitzende, aggressive Nationalismus als Bedrohung für das Land, aber auch für die eigene Fangruppe wahrgenommen wurde. In den Fankurven von Banja Luka, Sarajevo oder Mostar waren Jugoslawien-Fahnen selbstverständlich. Sie bedeuteten aber nicht eine Unterstützung für die jugoslawische Regierung oder das sozialistische Staatssystem, sondern stand für ein diffuses jugoslawisches Lebensgefühl und die Irrelevanz ethnischer und religiöser Zugehörigkeiten.

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Im Jahr 1990 eskalierte die nationalistische Gewalt in Jugoslawien bei Spielen zwischen serbischen und kroatischen Teams. Auch zuvor eher moderate Fanszenen wie die von Vojvodina Novi Sad wurden von der aggressiven, chauvinistischen Dynamik erfasst. Sowohl auf kroatischer als auch auf serbischer Seite häuften sich Bündnisse zwischen eigentlich rivalisierenden Fanszenen, um gemeinsam dem vermeintlichen Feind entgegenzutreten und so Zusammenhalt im Kampf für die nationale Einheit zu repräsentieren. Am 13. Mai 1990 war in Zagreb die Partie zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad angesetzt. Die Fans vom Roten Stern wurden im Jahr zuvor von Željko „Arkan“ Ražnatović unter dem Namen „Delije“ (Die Tapferen) vereint und reisten in großer Zahl nach Zagreb. Infolge von schweren Ausschreitungen in der Stadt und anschließend im Stadion konnte das Spiel nie angepfiffen werden. Dieser Skandal und die anschließende Berichterstattung in den kroatischen und serbischen Medien, die jeweils die andere Seite für die Eskalation beschuldigte, verdeutlichten den Riss in der jugoslawischen Gesellschaft.

An dieser Stelle muss betont werden, dass der Zerfall Jugoslawiens ein äußert komplexes historisches Ereignis war, bei dem zahlreiche innere als auch äußere Faktoren eine Rolle spielten. Bereits Ende der 1980er Jahre verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den einzelnen jugoslawischen Republiken im föderativen Staatenbund bis zum militärischen Konflikt. Mit dem Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen wurden neben den regulären Armeen auch zahlreiche paramilitärische Einheiten aufgestellt. Alle am Krieg beteiligten Seiten konnten in den Kurven Kämpfer und Soldaten rekrutieren. In den Fans fanden sie williges und propagandistisch vorgeformtes Kanonenfutter. „Arkan“ gründete beispielsweise die Srpska Dobrovoljačka Garda, die Serbische Freiwilligenbrigade, in der hauptsächlich Fans vom Roten Stern Belgrad kämpften. Arkans Tiger, wie die Brigade auch genannt wurde, und viele andere Einheiten und Militärangehörige der kriegführenden Parteien machten sich im Verlauf des Krieges schwerer Verbrechen schuldig. Dennoch wurden und werden sie im jeweiligen Herkunftsland oftmals zu Freiheitskämpfern verklärt und verehrt.

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In den jugoslawischen Zerfallskriegen in Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie dem Kosovo starben etwa 250.000 Menschen und rund vier Millionen Menschen wurden vertrieben. Durch die sogenannten ethnischen Säuberungen hat sich die Bevölkerungsstruktur in vielen Landesteilen und Städten signifikant verändert. Diese Homogenisierung der Bevölkerung, die Gewalterfahrungen und die aktive Beteiligung an kriegerischen Auseinandersetzungen und Kriegsverbrechen prägt das kollektive Gedächtnis der jugoslawischen Ultra-Gruppen bis heute. Die bosnische Stadt Banja Luka war einst multiethnisch geprägt, was sich auch in der Fangruppe Vultures (Die Geier) des Vereiny Borac Banja Luka widerspiegelte und bis zum Zusammenbruch Jugoslawiens dafür sorgte, dass kaum nationalistische Tendenzen vertreten wurden. Mit der Homogenisierung der Bevölkerung änderte sich aber auch der Charakter dieser und anderer Gruppen. Die Sprache änderte sich und fortan wurde die serbisch-kyrillische Schreibweise verwendet. Aus den Vultures wurden deshalb die Лешинари (Lešinari). Ein weiteres Phänomen ist die Schaffung und Pflege nationalistischer und oft auch gruppenrelevanter Legenden. Vor dem Maksimir-Stadion von Dinamo Zagreb zum Beispiel steht ein Denkmal für die im Krieg gefallenen Mitglieder der Bad Blue Boys (BBB), welches die Ereignisse rund um den 13. Mai 1990 zum Beginn des Krieges verklärt, obwohl die eigentlichen kriegerischen Auseinandersetzungen erst ein Jahr später begannen.

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Die Erinnerungen an die Kriege und mit ihnen verwandten Themen finden heute insbesondere bei vielen Choreografien und Spruchbändern von Belgrad über Mostar bis Split praktisch überall Verwendung. Dabei ist der Griff zu den Waffen und die Beteiligung an kriegerischen Auseinandersetzungen ein gleichzeitig historisches wie hochaktuelles Ereignis. Derzeit kämpfen serbische und kroatische Fans erneut an einer Front. Diesmal jedoch nicht im ehemaligen Jugoslawien, sondern in der Ost-Ukraine.

Die prorussischen Separatisten werden von Dutzenden serbischen Freiwilligen unter anderem von Roter Stern, Partizan und Rad Belgrad oder Vojvodina Novi Sad unterstützt. Wie schon in den früheren Kriegen wird für die gemeinsame Sache über die Vereinsrivalitäten hinweggesehen und die Fußball-Feinde präsentieren sich Schulter an Schulter im Kriegsgebiet. Dass in der Ost-Ukraine auch extrem rechte Fußballfans aus Serbien mit „Antifaschisten der alten Schule“ aus Ländern wie Italien, Spanien und anderen gegen „die Faschisten“ aus Kiew kämpfen, ist ein bitteres Paradox in diesem Konflikt. Erklären lässt sich die serbisch-russische Solidarität womöglich mit einer bei den slavophilen Nationalisten beider Länder imaginierten kulturellen und historischen Verbundenheit aufgrund der Religion und politisch historischer Allianzen, die sich beispielsweise auf die Ablehnung des vermeintlich kulturfremden Westens und der NATO beruft.

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Die ukrainische Seite wird ebenfalls von vielen Neonazis unterstützt. Vor allem im Bataillon Azov und den Einheiten des Rechten Sektors kämpfen auch „alte Bekannte“ der Serben, wie zum Beispiel der Denis Šeler von den Bad Blue Boys (BBB) von Dinamo Zagreb. Er ist ein früherer BBB-Capo, der schon im Kroatien-Krieg kämpfte. Die Solidarität der kroatischen Faschisten mit den ukrainischen Nationalisten erklärt sich damit, dass Russland als vermeintlich kommunistisch-imperialistische Großmacht wahrgenommen wird, welche die Sowjetunion wieder auferstehen lassen will und den nationalen Unabhängigkeitswillen des ukrainischen Volkes unterdrückt. In Video-Botschaften haben die Beteiligten von beiden Seiten bereits die Hoffnung geäußert, ihre speziellen „Freunde“ im Kampf zu treffen. Die BBB zum Beispiel verlangten per Spruchband: „Unterstützt die kroatischen Brüder in der Ukraine.“ In den serbischen Fankurven dagegen gehören Flaggen der sogenannten Volksrepublik Donezk sowie der Separatisten-Konföderation Novorossija (Neurussland), die zaristisch imperiale schwarz-gelb-weiße Fahne (Imperka) oder das zum großrussischen Symbol verkehrte Sankt-Georgs-Band fast schon zum Standard-Repertoire.

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Das heißt, 20 Jahre nach dem Ende des Krieges in Jugoslawien stehen sich erneut faschistische Fußballfans aus Serbien und Kroatien auf dem Schlachtfeld gegenüber. Auch wenn es sich dabei um eine kleine Gruppe handelt, können beispielsweise die propagandistischen Auswirkungen nicht zuletzt durch das Internet und Social Media einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Daheimgebliebenen haben. Welche Auswirkungen aus dieser erneuten Beteiligung an kriegerischen Auseinandersetzungen resultieren, sind schwer vorherzusagen. Aber eine progressive Entwicklung der Fankultur vor allem in Serbien und Kroatien ist wohl kaum zu erwarten.

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[1] Die „Horde Zla“ von FK Sarajevo gratuliert der „Armee der Republik Bosnien und Herzegowina“, die von 1992-1995 im Bosnien-Krieg kämpfte, zum Geburtstag.

[2] Die „Maniacs“ von FK Željezničar Sarajevo erinnern an die 1.425 Tage andauernde Belagerung der Stadt Sarajevo im Bosnien-Krieg mit einer Choreografie: „Habe keine Angst, Stadt meiner Jugend, die Maniacs verteidigen dich“.

[3] Die „Delije“ von Roter Stern Belgrad bei Alba Berlin im März 2015 mit einem Spruchband, das an die NATO-Bombardierung Serbiens während des Kosovo-Krieges 1999 erinnert.

[4] Nachdem der ehemalige General des Kroatien-Krieges und wegen Kriegsverbrechen angeklagte Ante Gotovina freigesprochen und nach 7 Jahren aus der Haft entlassen wurde, würdigte ihn die „Torcida“ von Hajdukt Split mit einer Choreografie als „kroatischen Held“.

[5] Normalerweise verfeindet. Nationalistische und rechte serbische Fans von Partizan Belgrad, Vojvodina Novi Sad und Roter Stern Belgrad kämpfen in Ostukraine gegen das vermeintlich „faschistisches Regime“ in Kiew.

[6] Serbische Freiwillige von Rad Belgrad. Die als „United Force“ bekannten Rad-Fans gelten als die einzig, echte neonazistische Fangruppe in Serbien. Die anderen serbischen Gruppen sind rechtsextrem nach serbischer Prägung (d.h. u.a. nationalistisch, homophob, antimuslimisch).

[7]“Unterstützt die kroatischen Brüder in der Ukraine“ verkündet ein Spruchband der der Bad Blue Boys von Dinamo Zagreb.

[8] Gemeint sind die rechtsextremen kroatischen Freiwilligen, die u.a. beim neonazistisch orientierten Azow-Bataillon gegen die prorussischen Separatisten kämpfen.

Quelle: Ultrash Unfug No. 9, Juli 2015

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