Die Flüchtlingshasser aus der Kurve

„Schmeißt sie raus, die Flüchtlinge!“ In deutschen Fußballstadien ist Rassismus größtenteils verpönt, in Polen mehrheitsfähig. Konservative Politiker applaudieren.

Von Thomas Dudek

Legia Warschau versteht sich als Nonplusultra des polnischen Fußballs. Doch der Club hat es nicht leicht. Nach Niederlagen gegen den FC Midtjylland und den SSC Neapel braucht der Verein am Donnerstag einen Erfolg gegen den FC Brügge, um in der Europa League zumindest noch theoretisch Chancen auf das Erreichen der K.0.-Phase zu haben. Und dann sind da noch die Fans, die Żyleta, die Rasierklinge, wie die in Polen berüchtigte Kurve der Legia-Ultras heißt.

Seit Jahren fallen die immer wieder durch Gewalt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf. „Ganz Legia schreit laut und deutlich: Nein zu der islamischen, wilden Horde“, schallte es im September im Heimspiel gegen Zagłębie Lubin aus der Kurve. Die Ultras präsentierten auch ausländerfeindliche und antiislamische Transparente.

In der Flüchtlingskrise gehören solche Szenen mittlerweile zum Alltag in den polnischen Kurven. Nur einen Tag nach den Vorfällen in Warschau skandierten Fans von Lech Posen: „Islamist, die dreckige Hure, uns Polen wirst Du niemals ebenbürtig sein. Das ganze Stadion singt mit uns: schmeißt sie raus, die Flüchtlinge.“ Dazu präsentierten sie ein Plakat, das auch für jeden Fernsehzuschauer gut sichtbar war. „Das ist für uns selbstverständlich, wir wollen keine Flüchtlinge in Polen“, stand darauf. In der für die EM 2012 errichteten Arena von Wrocław wiederum zeigten die Ultras des heimischen Vereins Slask gemeinsam mit denen von Jagiellonia Białystok ihren Hass auf die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. „Haut den Araber“ und „Raus mit den Flüchtlingen“, hallte es aus beiden Kurven.

„Spiegelbild der polnischen Gesellschaft“

Es sind Szenen, die im Gegensatz stehen zu dem, was in den deutschen Stadien passierte. Fast überall waren in den vergangenen Wochen dort Refugees-Welcome-Plakate in den Kurven zu sehen. Zudem helfen viele Bundesligisten Flüchtlingen auch aktiv. „Natürlich beobachten wir in Polen, wie sich in Deutschland nicht nur Fans, sondern auch die Vereine in der Flüchtlingshilfe engagieren“, sagt Radosław Kossakowski, ein Danziger Soziologe, der sich seit Jahren mit der Ultraszene in Polen befasst. „In Polen wird die Debatte über die Aufnahme von Flüchtlingen emotional und überhaupt nicht sachlich geführt. Was momentan in den polnischen Kurven abgeht, ist ein Spiegelbild nicht nur dieser Debatte, sondern auch der polnischen Gesellschaft.“

Wie heftig in dem östlichen Nachbarland über die Aufnahme von Flüchtlingen diskutiert wird, zeigt ein Blick in die polnische Presse. Während linke und liberale Medien wie die Gazeta Wyborcza ausführlich über das Leid der Flüchtlinge berichten und sich auf für deren Aufnahme aussprechen, entwerfen konservative Blätter und Sender Horrorszenarien. Von einer „Invasion“, dem „Untergang des Abendlandes“ und von der „Einschleusung von Terroristen“ ist in den Berichten die Rede.

Linke Ultras gibt es in Polen nicht

Zusätzlich emotionalisiert wird diese Debatte durch den Wahlkampf, der in Polen momentan stattfindet. Obwohl sich die aktuelle Regierung von Ministerpräsidentin Ewa Kopacz in Brüssel lange gegen eine Quotenregelung bei der Aufnahme von Flüchtlingen gewehrt hat, wirft die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) der Regierung seit Wochen vor, sich dem „Diktat aus Berlin“ zu unterwerfen. Mit Lügen und Halbwahrheiten schürt sie Ängste. So erklärte Jarosław Kaczyński, der Vorsitzende der PiS, die laut aktueller Umfragen die am Sonntag stattfindenden Parlamentswahlen gewinnen dürfte, dass in Schweden bereits in 54 Bezirken die Scharia gelte. Eine Behauptung, die sogar die schwedische Botschaft in Warschau zu einer Gegendarstellung per Twitter veranlasste. Nun sagte er, Flüchtlinge brächten Krankheiten wie Cholera oder Ruhr nach Europa.

Bei diesen Ansichten ist es nicht verwunderlich, dass viele nationalkonservative Politiker nicht nur Verständnis für die Parolen der Ultras haben, sondern in ihnen teilweise Verbündete sehen. Was auch der politischen Orientierung der polnischen Ultraszene geschuldet ist. „Im Gegensatz zu Deutschland, gibt es in Polen keine einzige linke oder zumindest linksliberale Ultragruppierung. Die polnischen Ultras sind politisch konservativ bis rechts beheimatet“, sagt Kossakowski.

Für die PiS offenbar ein interessantes Wählerpotential. Seit Jahren feiern die Nationalkonservativen die Kibole, wie die Ultras in Polen geschimpft werden, für ihre patriotischen Choreographien und Veranstaltungen. Und auch die rechtsradikale ONR versucht, in der Ultraszene Fuß zu fassen. „Parteipolitisch lassen sich die Ultragruppen jedoch nicht vereinnahmen. Parteien werden in den Kurven nicht geduldet“, sagt Kossakowski. Das Ergebnis: Die Ultras sind bei den fast wöchentlich in den polnischen Städten stattfindenden Demonstrationen gegen Flüchtlinge unübersehbar, dies aber immer als geschlossene Gruppe.

Die Abgrenzung der Ultras gegenüber den nationalkonservativen und rechten Parteien zeigt, mit welchen Selbstbewusstsein die Fans als Gruppe auftreten. Ein Selbstbewusstsein, welches auch die Vereine und der Ligaverband zu spüren bekommen. Als Reaktion auf die jüngsten Vorfälle, verhängt der Ligaverband fast schon wöchentlich Geldstrafen und schließt ganze Tribünen. Auch einige Clubs wehren sich gegen das Verhalten der Ultras und sprechen Stadionverbote aus. Sanktionen, die jedoch nur zu weiteren Protesten und Machtdemonstrationen der Ultras führen.

Ultras riefen zum Boykott auf

Besonders zu spüren bekam das der polnische Meister Lech Posen. Alle Vereine, die in dieser Saison in den europäischen Wettbewerben spielen, vereinbarten, dass in den ersten zwei Spieltagen von jeder verkauften Eintrittskarte, ein Euro den Flüchtlingen zugute kommen soll. Was die Posener Ultras gar nicht gut fanden. Beim Europa League-Heimspiel gegen Belenenses Lissabon protestierten sie vor dem Stadion nicht nur gegen die Flüchtlinge, sondern riefen auch zum Boykott der Partie auf. Mit Erfolg. Nur 8.000 Zuschauer kamen zu dem Spiel, während es während der Qualifikationsspiele noch durchschnittlich über 20.000 Zuschauer waren. Ein Boykott, der für den Verein vor allem ein finanzieller Rückschlag war. Wegen rassistischer Ausfälle seiner Fans bei der Champions League-Qualifikation im August gegen den FC Basel schloss die Uefa das Stadion für die Partie gegen den AC Florenz, den reizvollsten Gruppengegner. Zusätzlich muss der Verein eine Geldstrafe zahlen.

Solch ein Desaster will Legia Warschau in jedem Fall vermeiden. Der Club wurde von der Uefa nicht nur wiederholt zu hohen Geldstrafen verurteilt. In der vergangenen Saison musste Legia zwei seiner Europa League-Heimspiele wegen fremdenfeindlicher Verfehlungen seiner Fans unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen. Strafen, die den Club veranlasst haben, den Dialog mit den Ultras zu suchen. Einige Plakate sollen bereits aus dem Stadion verschwunden sein, heißt es vom Verein. Und die Spendensumme aus der Partie gegen den SSC Neapel, überwies der Verein an polnischstämmige Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet in der Ostukraine. Eine überschaubaren Gruppe. Knapp 200 von ihnen sind in den vergangenen Monaten nach Polen gekommen. Weitere 50 Personen sollen nach offiziellen Angaben noch im Gebiet um Mariupol leben.

Quelle: Zeit Online, 21. Oktober 2015

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