Inshallah

Von Andreas Bock

Laut, groß, blutig: Das Derby zwischen Wydad und Raja Casablanca ist nichts für Kuchenblockfans. Heute treffen die Rivalen wieder aufeinander. Wir waren im Dezember 2015 beim Hinspiel vor Ort.

Ende Dezember 2015 waren Andreas Bock und Paul Lehr in Casablanca, um das Derby Raja gegen Wydad zu besuchen. Vier Tage begleiteten sie die Ultragruppe von Wydad. Der Artikel erschien in der Februar-Ausgabe von 11FREUNDE.

»Noch ein Foto und du bist tot.«

Am 20. Dezember 2015, wenige Minuten vor Anpfiff des Derbys Wydad gegen Raja Casablanca, steht ein Mann vor der Curva Nord und meint es ernst. Jedenfalls lacht niemand, als er diesen Satz sagt, und so scheint es ratsamer, die Kamera wieder einzustecken.

Sie nennen den Mann Turan, er ist einer der führenden Köpfe der Wydad-Ultras. Später wird man erfahren, dass Turan einfach ein bisschen verrückt sei. Er möge keine Journalisten und nehme Drogen. Man solle ihn ignorieren. Aber in diesem Moment ist das schwer möglich, in diesem Augenblick fragt man sich, wo der verdammte Notausgang ist. Willkommen beim Derby Wydad gegen Raja. Willkommen in Casablanca.

Fußball ist überall auf der Welt ein Sport der großen Gefühle, eine Sache, in der Hass auf besondere Weise zelebriert wird. Es gibt wortmächtige Weisheiten über Rivalitäten, die berühmteste stammt von Bill Shankly: »Einige Leute denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich kann Ihnen versichern, dass es viel ernster ist.«

Am 20. Dezember in Casablanca stirbt zwar niemand, aber am Ende gerät die Sache, nicht nur wegen Turan, gehörig aus dem Ruder. Es kommt zu Kämpfen mit der Polizei, einer Spielunterbrechung, am Ende prügeln sich Fans sogar auf dem Stadiondach.

Das Gefühl von großer Freiheit

Andererseits ist es vielleicht auch der ganz normale Wahnsinn. Hier, im Stade Mohammed V, wo nichts klein ist, sondern alles heiß, hell und gigantisch. Wo es sich bei jeder Torchance anfühlt, als würde die Welt explodieren und aus ihrer Asche eine neue entstehen. Wo junge Marokkaner, die sonst nicht wissen, wohin mit ihrer Energie, ihrer Liebe und ihrem Zorn, dem Leben mit einer gewaltigen Wucht entgegentreten. An dem vielleicht einzigen Ort in Casablanca, der ihnen das Gefühl von großer Freiheit gibt.

Den Plan, die Ultras von Wydad zu begleiten, gab es schon ein paar Jahre. Aber es war nicht so einfach, mit ihnen in Kontakt zu treten. Und auch diesmal blieben die ersten Anfragen unbeantwortet. Vielleicht waren sie misstrauisch. Auch marokkanische Fans sprechen nicht gern mit Journalisten. Vor allem nicht, wenn sie mit großen Fotoapparaten ankommen.

Die Ultras von Wydad Casablanca nennen sich »Winners 2005«, und sie sind bekannt für ihren prachtvollen Support. Für Gesänge, die so laut sind, dass man sie vermutlich noch an der großen Moschee am Hafen hören kann. Für Choreografien voller popkultureller Referenzen.

Einmal, im Sommer 2013, errichteten sie vor ihrer Kurve einen selbstgebauten Hifi-Stereoturm aus Pappmaché. Ein Monstrum, etwa sechs Meter hoch und 20 Meter breit. Sie hievten eine überdimensionale Papp-CD in einen Schlitz, während ein paar Jungs im Inneren der Höllenmaschine ein schier endloses Banner über ein Display zogen, auf dem, gut sichtbar für alle im Stadion, die Titel verschiedener Chants geschrieben standen.

Immer wenn sie das Banner weiterrollten, sang die komplette Kurve den dort angezeigten Titel wie eine menschgewordene Jukebox mit, »Mi Corazon«, »Casa Nostra«, und so weiter. In den sozialen Netzwerken werden die Winners für solche Aktionen verehrt wie Popstars, auf Youtube erreichen Videos ihrer Shows oft über eine Million Klicks.

Die Ultras des Stadtrivalen Raja Casablanca fahren ebenfalls groß auf. Und natürlich gehen auch die Meinungen darüber auseinander, wer in der ewigen Materialschlacht der Beste und Größte ist im Stade Mohamed V, in diesem prämodernen Betonkoloss, den sie sich schlimmerweise auch noch teilen müssen.

Im Sportlichen ist die Sache hingegen klar, zumindest in dieser Saison: Raja dümpelt im Liga-Mittelfeld herum, während der Rekordmeister Wydad auf Platz zwei steht. Dafür gewann Raja dreimal die afrikanische Champions League, Wydad nur einmal.

Drogen und Gewalt

Aber wen interessieren schon Statistiken an Tagen, in denen ein Derbysieg bedeutender erscheint als Fragen von Leben und Tod? Wer die Rivalität der Klubs erklären will, kann das mit Hilfe der üblichen Stereotypen machen: Auf der einen Seite Wydad, die Roten, die Jungs aus der Mittelschicht, die mit den muslimischen Wurzeln und dem englischen Spielstil.

Auf der anderen Seite Raja, die Grünen, beheimatet in den Arbeitervierteln, französisch geprägt und im Spiel eher brasilianisch. Eigentlich muss man aber zurückgehen in das Jahr 1937, als sich eine Männerrunde in Casablanca traf, um über den Namen für einen neuen Verein abzustimmen. Ein Teilnehmer, so sagt die Legende, kam damals zu spät, aber er hatte eine gute Ausrede parat: Er musste noch seinen Lieblingsfilm schauen. Kurzerhand beschlossen die Männer, ihren neuen Klub nach dem Titel dieses Streifens zu benennen: »Wydad«, »Liebe«.

Horrorgeschichten aus dem marokkanischen Fußball

Pere Jego, ein weiterer Teilnehmer dieser Runde, machte das Team danach als Trainer zum erfolgreichsten in ganz Marokko. 1952 überwarf er sich aber mit seinen Mitstreitern und heuerte beim bis dahin unbedeutenden Rivalen an. Und auch wenn Raja, im Arabischen »Hoffnung«, schon 1949 gegründet worden war, sehen viele Fans diesen Wechsel als die eigentliche Geburt ihres Vereins und der Feindschaft mit Wydad an. Das Derby am 21. Dezember 2015 ist das 119. Aufeinandertreffen der beiden Teams.

Die Sache war nur: Eine Antwort der Winners aus Casablanca ließ weiter auf sich warten. Aber war diese ganze Unternehmung nicht eh ein Höllenfahrtkommando? Im Internet findet man allerhand Horrorgeschichten. In einem Blog berichtet jemand von einem Raja-Fan, der einst einem Winners-Mitglied das Kinn abgeschnitten haben soll und aus Angst vor Rache in den Senegal geflohen sei.

In Zeitungsberichten kann man über den Wydad-Anhänger Hamza Bakkali lesen, der 2012 bei Ausschreitungen ums Leben kam. Oder von den Vorkommnissen im März 2014. 150 Wydad-Ultras stürmten damals mit Messern das Trainingsgelände ihrer Mannschaft, weil sie mit der Leistung unzufrieden waren und den Spielern Korruption vorwarfen.

(Wenige Wochen nach Veröffentlichung dieser Reportage starben bei einem Spiel zwischen Raja Casablanca und Chabab Rif Al Hoceima zwei Menschen. Über 50 wurden verletzt. Über die Hintergründe lest ihr hier: Wieso starben im März 2016 zwei Fans in Casablanca? Tod in der Kurve >>)

»Sie wollen, dass man sie wahrnimmt!«

Die Polizei reagiert bis heute mit harten Repressalien. Erst seit kurzem beschäftigen sich arabische Forscher mit dem Phänomen der Gewalt im Fußball. So etwa der Soziologe Abderrahim Rharib, der in einer Umfrage unter 600 Fußballfans herausfand, dass die Mehrheit der Schläger nicht aus sozial schwächeren Milieus kommt, sondern aus der Mittelschicht. Viele haben gute Jobs oder studieren.

In Europa weiß man mittlerweile, dass Fußballgewalt kein Phänomen ist, das nur in sozialen Randgruppen auftritt; in Marokko sorgten Rharibs Erkenntnisse für Verwunderung. »Wir müssen mit diesen Jungs reden«, schrieb er in einem Fazit. »Sie wollen, dass man sie wahrnimmt!«

Casablanca am 18. Dezember 2015, ein Café unweit der Altstadt, Old Medina, Temperaturen um die 20 Grad. Noch zwei Tage bis zum Derby. Nach ein paar Wochen kam tatsächlich eine Nachricht von den Winners. »It works«, schrieb ein unbekannter Absender. Läuft.

Old Medina ist Wydad-Land. Die Graffiti an den bröckelnden Fassaden erzählen von den Triumphen des Vereins, die Jungs, die Teppiche oder Tee verkaufen, tragen Shirts von Wydad, Bayern, einer sogar ein altes Trikot des ETSV Eintracht Glückstadt – Hauptsache rot. Casablanca, die Stadt der Liebe und der Romantik, sagen die, die nichts weiter als das berühmte Filmplakat kennen: Ingrid Bergmann in den Armen von Humphrey Bogart. In Wahrheit ist die Vier-Millionen-Stadt ein Moloch. Hart, schnell, funktional. Wer sieht einen hier?

Um die Ecke befinden sich ein paar Bars, Männer sitzen neben anderen Männern, oft alleine, hinter Gardinen trinken sie dort ihren Mahia-Schnaps, die kleine Freiheit. Wer das Land erkunden will, wer auf der Suche ist nach 1001-Nacht-Bildern, der fährt weiter, nach Marrakesch oder zu den Wasserfällen von Ouzoud. »Ihr wollt ins Stadion? In die Curva Nord? Alleine?«, fragen die Alten an der Theke. »Seid ihr lebensmüde?« Aber es ist zu spät für einen Rückzieher. It works. Wie versprochen.

Der Ultra, der es zu den Profis schaffte

»Salam aleikum!«, sagt plötzlich ein Mann, der das Café betritt. Er stellt sich als Rachid vor und möchte, dass man ihm folgt. Hundert Meter weiter parkt ein weißer Alpha Romeo. Zwei Männer sitzen darin. »Willkommen in Marokko!«, sagt der Fahrer. »Hier bekommst du alles, was du willst!« Und der Beifahrer ergänzt: »Vergesst, was ihr über Fußball wisst. In Casa fängt alles von vorne an.«

Die Männer sind Ende 20, Anfang 30. Ismael, der Beifahrer, kindlich-aufgekratzter Blick, trägt Vollbart, Nike-Sweater, Mütze mit Winners-Emblem. Er sagt, er möchte die Welt sehen. Deswegen habe er Casablanca vor einigen Jahren verlassen. Er studierte in Schweden und Holland, heute arbeitet er als Verkaufsmanager einer Software-Firma in Lüttich. Aber, na klar, Casa und Wydad sind trotzdem Heimat, mehrmals im Jahr fliegt er zurück, und wenn er Heimweh habe, schaue er sich die Winners-Choreografien bei Youtube an.

»Und dann für den Rest deines Lebens«

Dann Nawras, der Fahrer. Einer von sechs Köpfen der Ultragruppe. Arbeitet als Bankkaufmann. Trägt Sonnenbrille im Haar, dazu Dreitagebart, Trainingsjacke. Bisschen Andy Garcia, bisschen Medhi Benatia. Die Jungs kennen sich aus der Kurve. Sie sagen, Wydad sei das Beste, was jeder, der mal im Stadion war, bestätigen müsse. Es fehlt eigentlich nur Bogart aus dem Off: »Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald. Und dann für den Rest deines Lebens.«

Sie erzählen von 6000 Mitgliedern, von selbstproduzierten Wydad-Musik­alben, von Gruppenchefs und Regionalmanagern, von Winners-Chaptern in der Ukraine, in Deutschland, Südostasien oder Frankreich. Von ihrem Freund Adem, der nach New York gezogen sei, weil sein Vater nicht wollte, dass er mit den Ultras rumhängt. Der Plan ging nur halbwegs auf: Adem leitet heute eines der größten Auslandschapter ihrer Gruppe.

Danach noch mehr Heldensagen. Etwa die von Reda El Hajhouj, einem 21-jährigen Stürmer von Wydad. Er sei auch ein Winner, einer von ihnen, immer gewesen. Einmal soll Hajhouj sich einen Pyrostab in seine Hose gesteckt haben. Bei einem Tor hätte er den Feuerwerkskörper auf dem Feld gezündet, nur leider gelang ihm keines. Dafür präsentierte er in einem Derby ein Winners-Shirt mit einer Botschaft, die sich gegen den damaligen Vereinspräsidenten Abdelillah El-Akram richtete. In diesem Moment explodierte die Welt in der Curva Nord noch ein bisschen gewaltiger als sonst.

Der erste Schlag, bevor der Gegner in den Ring steigt

Die Geschichte um Akram illustriert recht gut, wie mächtig die Winners sind. Der Präsident ließ einst den Capo verhaften und versuchte, die Gruppe zu spalten. Also riefen die Winners zu einem Boykott der Heimspiele auf. Fortan verirrten sich oft nicht mehr als 100 Zuschauer ins riesige Stade Mohamed V. Gepeinigt und ruiniert legte Akram sein Amt nieder.

Es könnte immer so weiter gehen, mit dem Alpha Romeo durch Casablanca, mit den Geschichten von Legenden. Aber plötzlich reißt Ismael die Arme in die Luft. »Das ist fantastisch«, ruft er und zeigt auf ein Bild, das er per SMS bekommen hat. Jemand aus der Winners-Fraktion hat heimlich die Choreo-Vorbereitungen der Raja-Ultras fotografiert. »Ich bin so glücklich«, sagt Ismael. Sie wollen das Bild am Sonntag vor dem Spiel auf Facebook enthüllen. Sie wollen den ersten Schlag schon landen, bevor der Gegner überhaupt in den Ring steigt.

m nächsten Morgen, Stade Mohamed V. Ein riesiger Klotz, 1955 erbaut, angeblich seitdem zweimal renoviert. Man fragt sich nur, wo. Ismael hastet durch das große Eingangstor, vorbei an offenen Leitungen, tropfenden Wasserrohren, herausgerissenen Sitzschalen, unter der Tribüne sieht es aus, als hätte man die Eingeweide einer ausgestorbenen Riesenbestie freigelegt.

»Welcome to the factory«

Ismael erklimmt die Stufen der Curva Nord. »Welcome to the factory«, sagt er und zeigt auf all die kleinen Jungs, 100 oder 200, die über die Treppenstufen wuseln und die Aktionen vorbereiten. Ein großes Durcheinander, so scheint es. In Wahrheit haben sie die einzelnen Choreo-Puzzleteile wochenlang vorbereitet und fügen sie nun in feinmechanischer Präzision zusammen. Sie legen Plastikbanner an die Aufgänge, sprühen Markierungen an die Stufen oder ziehen Plastikfahnen auf Bambusstöcke.

Die Winners, sagt Ismael, werden beim Derby drei Choreographien zeigen. Eine sei provokativ. Vielleicht bekämen sie dafür eine Strafe, aber das sei egal, schließlich würden sie auch dank dieser Aktion gewinnen. Das Spiel und die Materialschlacht. Inshallah.

Provokationen und Gewalt sind keine Alleinstellungsmerkmale der marokkanischen Fankultur. Aber sie sind wesentlich präsenter als in europäischen Stadien. Alleine Ismael und Nawras können von so vielen Kämpfen berichten, dass sie manchmal ganz durcheinander kommen. Erst neulich sei ihre Gruppe bei einem Auswärtsspiel in Khouribga mit Steinen angegriffen worden. Oder war das letzte Saison? Jedenfalls: Da hatten sie wirklich Todesangst.

Heute, einen Tag vor dem Derby, scheint es ruhig zu sein. Aber das Bild trügt. Ismael zeigt auf eine Gruppe, die sich gleich auf den Weg in eben jenes Khouribga macht, Rache nehmen, die Ehre verteidigen. Darf man Ultras nach Sinn und Unsinn solcher Ausflüge fragen? Ismael widerspricht jedenfalls den Thesen der Soziologen. Gewalt unter Ultras habe immer noch viel mit Armut zu tun und auch mit Bildung.

Dann noch die Drogen, viele Fans werfen sich Psychopharmaka rein, Karkoubi heißt ihre Lieblingspille und kostet nicht mal vier Dirham, etwa 40 Cent. Sie ersetzt Schmerz durch rasende Wut. Aber ist das eine Erklärung für all die Horrorgeschichten, für den Sturm auf das Trainingsgelände? Ismael, der junge intelligente Mann aus Lüttich, der Indierock mag und Filme von Francis Ford Coppola, sagt: »Das waren doch Feiglinge.« Er lässt offen, ob er die Spieler oder die Fans meint.

»Lasst eure dreckige Wäsche nicht rumliegen!«

Sonntag, Derbytag. Am Morgen veröffentlichen die Winners auf Facebook die Bilder der heimlich fotografierten Raja-Choreo. Darunter schreiben sie: »Lasst eure dreckige Wäsche nicht rumliegen!« 8000 Freunden gefällt der Post. Vor dem Mohamed V stehen derweil schon tausende Fans, viele noch halbe Kinder, so gut wie keine Frauen. Um halb zehn, fünf Stunden vor Anpfiff, öffnet die Riesenbestie ihr Maul.

Sie seien immer so früh hier, erklärt Ismael. Spannung aufsaugen, Freiheit spüren. Außerdem seien oft mehr Leute im Stadion, als eigentlich reindürfen. Und dann sieht man, was er meint: Hunderte Fans ohne Tickets schmeißen ihre Rucksäcke über die Zäune und springen hinterher. Die Polizisten sind chancenlos, sie rennen hin und her und wirken, als wollten sie mit einem Kescher Glühwürmchen einfangen.

Territorialkämpfe in der Kurve

Wenn man an einem Derbytag das Stade Mohamed V seziert, erzählt jeder Abschnitt eine eigene Geschichte. Alles passiert unabhängig voneinander, und doch steht alles miteinander in Beziehung. Da ist die Totale: ein ovales Stadion, 30.000 Fans, vielleicht sogar 40.000 in Rot. Dahinter, ab der Höhe der Mittellinie: 30.000, vielleicht 40.000 in Grün.

So genau wird man sie nie zählen können, denn sie werden hier einfach verschluckt, einige balancieren auf den obersten Stufen, hinter ihnen nichts als ein 20 Meter tiefer Abgrund, andere quetschen sich aus Platzmangel im 90-Grad-Winkel zum Feld aneinander.

Dann die Vorsänger, sie animieren ihre Kurven ohne Megafon. Neben dem Capo-Turm der Winners stehen Männer mit Pauken und Schellen. An den Turm haben sie ein Banner gehängt, das einem Fan huldigt, der neulich bei Ausschreitungen ein Bein verloren hat. Auch die Raja-Fans schicken ihre Genesungswünsche per Banner hinüber, während in ihrer eigenen Kurve die Fäuste fliegen, Territorialkämpfe in den eigenen Reihen.

Und wer ist dieser ältere Herr vor der Kurve? Auch so eine Art Capo, jedenfalls für zwei Minuten. Er tritt vor die Kurve, stampft auf den Boden und die 30 000 stampfen mit. »Das ist der Trainer des Basketballteams«, sagt Ismael, der immer wieder den Zeigefinger auf seine Lippen legt. Die Fans sollen ihre Kraft einteilen.

»Yallah. Let’s go!«

Im Ganzen ist das Stade Mohamed V ein Panoptikum der Anarchie. Und vielleicht kann man den Mann, den sie Turan nennen, deswegen so schnell vergessen: »Noch ein Foto und du bist tot.« Weil dieser Satz spätestens in den gigantischen Choreos und dem Pyro-Rauch, der sich während des Spiels über das Feld legt und eine Spielunterbrechung herbeiführt, einfach verpufft. Weil die monströsen Choreos – eine zeigt das Casablanca-Filmplakat, eine verunglimpft die Raja-Fans als Tiere – die Kurve in einen kollektiven Freudentaumel versetzt. Und weil es am Ende überhaupt kein Halten mehr gibt.

Als sich das torlose Spiel, das niemanden so recht interessiert, dem Ende nähert, erklimmen Fans von Wydad und Raja das Tribünendach und gehen dort oben mit Stöcken und Steinen aufeinander los. Es ist ein archaisches Schauspiel, und im deutschen Fernsehen würden die nächsten drei Monate tägliche ARD-Brennpunkte und Maybrit-Illner-Sondersendungen folgen. Ismael lächelt nur. Erst als die Polizisten kommen, diesmal nicht mit Keschern, sondern mit Schlagstöcken, sucht auch er lieber das Weite. »Yallah. Let’s go!« Nach sieben Stunden Lärm zählt jetzt nur eines: Tempo.

Dann ein Tritt, Finishing Move

Also los. Die schwarze Trainingsjacke übers rote Wydad-Shirt, hinein in die Stadt. Hupen, Sirenen, Gesänge, auf den Mini-Pick-ups quetschen sich zwanzig Männer auf der Ladefläche, und plötzlich taucht ein Raja-Fan auf, nicht älter als 15, der sich in eine Straße voller Wydad-Anhänger verirrt hat. Zack, die Faust voll auf die Zwölf, dann ein Tritt, Finishing Move, der Green-Boy am Boden. »Shit«, sagt Ismael. Hilft dem Jungen auf die Beine. Sagt: »Warum geht der Typ hier überhaupt lang?« Dann weiter, yallah, yallah, immer weiter, noch einmal abbiegen und rüber, um den Block, Schulterblick, alles okay, der Schlüssel, die Tür, der Flur, das Wohnzimmer, geschafft. Das Derby ist vorbei. Wydad gegen Raja. Liebe gegen Hoffnung. 0:0. Ismael lässt sich in ein Sofa fallen, und dann ist es das erste Mal nach drei Tagen wirklich still.

Morgen geht es zurück nach Lüttich. Wer wartet dort? Die Jungs vom Winners-Chapter Belgien. Und sonst? Kürzlich hat er sich von seiner Freundin getrennt. Sie sei eine tolle Frau, sagt er, nur sie verstand das mit dem Fußball nicht. Aber Wydad heißt nun mal Liebe. Die alte Geschichte aus den Dreißigern. »Kennt ihr die?«

Anfang Januar schreibt Ismael eine Nachricht. Einiges sei nach dem Derby blöd gelaufen. Zahlreiche Fans wurden bei den Kämpfen auf dem Dach verhaftet. Wydad muss vier Geisterspiele austragen. Weil der Verband außerdem die Tier-Choreo der Winners als provokativ bewertet, diskutieren marokkanische Fußballfunktionäre nun über einen Verbot von Fan-Choreografien.

Ismael macht sich aber keine großen Sorgen. Er schreibt: »Vermutlich werden sie das bald wieder vergessen.« Und beendet die Mail mit: »Dann ist alles wieder normal.«

Die Reportage erschien im Februar-Heft von 11FREUNDE. Ihr könnt die Print-Ausgabe weiterhin bei uns im Shop bestellen oder als Digital-Ausgabe im iTunes-Store oder Google-Play-Store runterladen. Ergänzend zur Reportage lest ihr hier einen Hintergrundbericht über eine Beinahe-Verhaftung unserer Reporter.

Quelle: 11 Freunde, 08. Mai 2016

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