„Dann hätten die Nazis gewonnen“

"Kein Rassismus, keine Homophobie, keinen rechten Scheiß"

Von Hannes Hilbrecht

Sie trinken kein Bier, um nach dem Spiel noch rennen zu können. In ganz Deutschland werden alternative Ultras von Nazis aus dem Stadion gedrängt. Ein Betroffener erzählt.

Über den Rechtsruck in deutschen Fankurven haben wir schon oft berichtet. Hier lassen wir einen alternativen Ultra zu Wort kommen, der von der Gewalt betroffen ist. Er möchte anonym bleiben.

„Ich bin aktiver Fußballfan, manche würden mich als Ultra bezeichnen. Ich stamme aus dem alternativen Spektrum, bin 30 Jahre alt, nicht vorbestraft, habe studiert und einen Job. Mit ein paar Kumpels habe ich vor einigen Jahren eine Ultragruppe gegründet, im Herzen Nordrhein-Westfalens. Wir unterstützen den größten Verein unserer Stadt, der am Wochenende Zuschauer im unteren vierstelligen Bereich begrüßt. Wenn es gut läuft. Meist sind es aber deutlich weniger, was ziemlich peinlich ist.

Unsere Crew zählt 30 Leute, auch einige Frauen machen mit, was in dieser sonst leider sehr männlich dominierten Szene nicht oft vorkommt. Bei uns gibt es Linke genauso wie Mitglieder von CDU und FDP, es gibt Akademiker und Studenten. Wir haben Spaß daran, unsere Mannschaft zu unterstützen. Wir singen und trinken gerne. Und wir wollen Fußball ohne Ausgrenzung. Kein Rassismus, keine Homophobie, keinen rechten Scheiß. Deshalb fingen unsere Probleme an.

Vor zwei Jahren erkannten wir im Stadion einige stadtbekannte Nazis und ihr Gefolge. Von Woche zu Woche wurden sie mehr. Sie hatten kurze Haare oder Glatzen, besoffene und stämmige Typen. Auf sie passten viele Klischees, nur trugen sie Turnschuhe statt Springerstiefel. Sie sangen ihre Lieder, sie zündeten Pyrotechnik, sie provozierten. Es wurde brenzlig. Machten wir eine Choreographie, die für sie zu links war, machten sie sich bemerkbar. Sie beleidigten und drohten.

Sie sind in der Überzahl und meist kräftiger

Wir suchten die Entspannung. Unseren Platz in der Kurve wollten wir behalten, den körperlichen Kampf aber vermeiden. Die Nazis sind gewaltbereit, einige suchen die Gewalt auch, sie möchten ihre Stärke und Dominanz dauerhaft beweisen. Manche fahren bald ein, andere kommen gerade raus. Sie sind in der Überzahl und meist kräftiger. Wir trafen uns zum Gespräch, zwei von ihnen und zwei von uns. Oberflächliche Nettigkeiten, Distanzierungen ihrerseits. Sie sagten: ‚Nehmt das nicht so ernst, wir möchten keinen Stress. Wir wollen nur keine Politik im Stadion. Wir wollen eine breite Szene und den Verein laut unterstützen, auch ihr gehört dazu. Nur Fußball.‘

Es war ein Burgfrieden, wir arrangierten uns. Später wussten wir: Wenn führende Ultras gegen Politik wettern und selbstverständliche Statements gegen Homophobie und Rassismus als Politik sehen, ist das kein gutes Zeichen. Wer die menschlichen Grundwerte und Toleranz nicht als selbstverständlich ansieht und sich klar gegen solche wehrt, ist definitiv ins rechte Spektrum einzuordnen. Wer das als Politik bezeichnet, die nicht ins Stadion gehört, macht in der Kurve rechte Politik.

Im Stadion stehen wir in getrennten Bereichen, doch am Würstchenstand und bei den Toiletten treffen sich unsere Wege zwangsweise. Immer häufiger wurden wir angepöbelt, als Nestbeschmutzer bezeichnet. Bei manchen Spielen mussten wir uns wegen Vorgaben des Vereins die Tribüne teilen, wir stellten uns auf die andere Seite, so weit weg wie möglich, dennoch bekamen wir unangenehmen Besuch. Es blieb nicht bei verbalen Attacken, auch körperlich wurden wir angegangen.

Sie verfolgten uns

Auch die An- und Abreise vom Stadion machte uns zunehmend nervös. Der Verein wies uns an, nicht den Hauptausgang zu nutzen. Wir sollten der anderen Gruppe nicht begegnen. Uns blieben die dicht bewachsenen Wege am Rande des Stadions. Wir bestimmten Spotter, die auskundschaften sollten, welcher Pfad der sicherste ist. Einen Monat später wurden wir trotzdem attackiert.

Unsere Wege kreuzten sich nach einem Spiel außerhalb des Stadions. Sie verfolgten uns, waren mit Sturmhauben maskiert. Sie wollten, dass wir uns stellen, wir wichen aus, hatten keine Lust auf Auseinandersetzungen. Wir informierten die Polizei.

Die Rechten waren trotz solcher Szenen auf ihre Art diszipliniert. Sie zogen sich Grenzen und beachteten diese. Wer es übertrieb, wurde mehr oder weniger lang ausgeschlossen. Einmal hielten sie ein Banner gegen Rassismus im Block hoch, ein plumper Versuch, sich reinzuwaschen. Manche trugen dabei Steinar-Jacken. Die stören uns übrigens am wenigsten. So wissen wir sofort, wer wohin gehört.

An einem Abend aber vergaßen sie ihre Ordnung und sorgten für einen Skandal. Bei einem Auswärtsspiel gab es Randale mit Verletzten. Der Verein musste eine hohe Geldstrafe zahlen und schloss sie für mehrere Monate aus. Wir dachten, es wäre vorbei. Nach einem Monat standen sie aber wieder am Stadion und schauten durch die Zäune.

Zum ersten Mal Solidarität

Wir haben viel mit den Vereinsverantwortlichen diskutiert. Wir haben gefordert, die braun durchsetzte Gruppe auszuschließen. Mehr als Parolen gegen Nazis brachte der Verein nicht heraus. Die Verantwortlichen sind zu weich, zeigen bei diesem Thema keine Haltung, kein Profil. Allerdings hörten wir auch von Gerüchten, von Drohungen. Einem ehemaligen Trainer nicht deutscher Abstammung wurde das Auto zerkratzt, er erhielt anonyme Anrufe, er solle sich dahin verziehen, wo er herkomme. Einer der Oberen sagte, er verstünde uns. Seinen Sohn hätte er wegen solchen Befürchtungen schon lange nicht mehr mit ins Stadion genommen.

Nach einem drastischen Angriff der Rechten auf eine Vereinsbar, über den in den Medien berichtet wurde, spürten wir das erste und einzige Mal in diesen zwei Jahren große Solidarität. Statt 30 waren wir 150 beim nächsten Heimspiel. Bürgerliche, Studenten und Schränke von Kerlen, die wir nicht kannten, standen hinter uns. Sie hatten in der Zeitung von dem Angriff gelesen. Aber schon am nächsten Spieltag waren wir wieder allein.

Dann besuchte uns eine befreundete Ultragruppe, wir betrieben Netzwerkarbeit, tauschten uns mit Gruppen aus, die ähnliche Probleme hatten. Sie boten uns an, die Rechten zu jagen. Mir gefiel die Vorstellung, dass die, die Gewalt suchen, kassieren würden. Einige von uns forderten, mit dem Kuschen aufzuhören, das bringe nichts. Sie waren das Wegrennen leid. Am Ende lehnten wir das Angebot ab. Das Echo auf einen Angriff wäre katastrophal gewesen. Und: Wir wollten nicht so sein wie sie.

Wir betranken uns nicht mehr

Das Stadionerlebnis hat sich in den vergangenen zwei Jahren für uns verändert. Wir wurden zwar nicht mehr körperlich attackiert, die Furcht nahmen wir trotzdem jeden Sonntag mit. Wir betranken uns nicht mehr, um notfalls rennen zu können. Wir wurden ruhiger, benahmen uns anständiger. Vorher hatten wir auch mal gegen den Schiedsrichter gepöbelt oder gegen die Auswärtsfans, natürlich nur verbal. Die Situation war danach immer zu angespannt, wir hatten unseren kleinen Freiraum verloren.

Selten zündelten wir Pyros, immer nach Absprache. Bei einer größeren Aktion wartete die Feuerwehr ein paar Meter hinter unserer Tribüne. Nun achten wir darauf, uns im Stadion von den Primitivlingen zu unterscheiden. Wir wollen anders sein als sie. Die von Ultras kultivierte Hetze gegen die Polizei und die Medien, die betreiben nur noch sie. Sie singen ACAB, wir schweigen, weil wir nicht mehr pauschalisieren wollen.

Ein Trainer dankte uns für unseren Einsatz, für die Werte, die auch er und seine Spieler vertraten. Er schrieb mir das per SMS. Support von Rechten war ihm unangenehm. Wir hatten ein gutes Verhältnis zur Mannschaft, die nach den Spielen immer zum Abklatschen kam. Es war der Lohn für die Strapazen. Aufgeben war deshalb keine Option.

Außerhalb des Stadions versuchten wir es mit den Mitteln der Zivilgesellschaft: Wir informierten lokale Politiker, Sponsoren und Medien über die Vorgänge rund um den Verein. Das brachte leider wenig. Der Verein ist wohl zu klein und die Gewalt noch nicht dramatisch genug. Anders können wir uns nicht erklären, warum es keine Aufmerksamkeit für diese Entwicklungen gibt.

Party war einmal

Der Sonntag ist mittlerweile zum Stresstag geworden, es ist ein Abnutzungskampf. Party war einmal. Einige der Jungen, die damals bei uns mitmachen wollten, stehen nun drüben. Pöbeln, Saufen, Pyro, und ja, auch Hauen, das sei bei denen einfacher, sagten sie. Wir sind ihnen zu kompliziert geworden.

Auch die Mannschaft kommt nicht mehr. Angeblich wurde sie vom Verein angewiesen, beide Fanlager gleich zu behandeln. Der Verein sucht weiter die Deeskalation. Jedes braune Trampeln wird mit Zurückweichen beantwortet. Und die Rechten trampeln ausdauernd. Der Rechtsruck in der Gesellschaft und die erfolgreiche Hetze der vergangenen zwei Jahren hat sie stärker gemacht. Sie haben das Gefühl, ihr Handeln sei legitim.

Wir wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten. Wir wissen, dass wir kein Einzelfall sind. In unserer Nähe gibt es viele Fangruppen, die ähnliche Erfahrungen machen. Essen, Bonn, Aachen, Duisburg, noch kleinere Vereine. Manche haben den Kampf um die Kurve verloren. Deutschlandweit wandern Nazis in den Amateurfußball, rechte Hooligans kehren zurück; mackerhafte, rückständige Ultras verdrängen alternative Gruppen.

Wir vermissen die Freude am Fußball

Auch wir erwägen einen Ausstieg und überlegen, welchen Sinn unsere Ausdauer hat. Wir vermissen die Freude am Fußball. Vielleicht verziehen wir uns geschlossen aus unserem Stadion. Dann hätten die Nazis gewonnen.

Wir mögen es nicht, jemandem die Schuld zu geben. Der stärkste Akteur in dieser Sache ist und bleibt der Verein, der mit hilflosen Aktionen versucht, sich selbst ein Image zu geben, ‚mit dem sich die Rechten nicht identifizieren können‘. Er ist so naiv und denkt, dass sie dann schon von allein verschwinden. Das ist lächerlich. Zumal wir Sätze zu hören bekommen wie: ‚Nicht alle von denen sind Rechte. Wenn die Rechten erst mal aussortiert sind, haben wir eine tolle Support-Gruppe.‘ Das ist unfassbar. Der Verein hatte jahrelang eine tolle Support-Crew. Uns.“

Protokolliert von Hannes Hilbrecht

Quelle: Zeit Online, 18. Mai 2016

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