Hooligans: „Isis – Where are you?“

Polnische Hooligans beim EM-Qualifikationsspiel gegen England.

Von Fabian Scheler

Tausende Hooligans werden zur Fußball-EM erwartet. Neben Bier und Bizeps ist ihnen jetzt auch der Islam wichtig. Als Feind.

Es sind Bilder aus der Ukraine, aus Polen und aus Belgien. Muskelbepackte Männer posieren mit einem T-Shirt oder halten eine Fahne. Ihre Botschaft ist immer die gleiche: „Turkey not welcome“. Hooligans gegen die Türkei. Die französische Kampfsportmarke Pride France veröffentlicht diese Aufnahmen regelmäßig auf ihrer Facebook-Seite. Ihr Gründer zeigt gerne seinen mit einem Hakenkreuz tätowierten Rücken in sozialen Netzwerken. Bislang war das Label nur unter Kämpfern beliebt. Nun aber steigen sie aus dem Ring in die Gesellschaft: Vor der EM heizen Hooligans die politische Stimmung auf.

Wie bei jedem großen Fußballturnier werden auch zur EM Hooligans anreisen. Breitschultrige Schläger, die auf Kämpfe mit anderen Stiernacken oder der Polizei hoffen. Früher tranken sie sich mit viel Bier Mut an, suchten andere Schläger, die genauso viel soffen, aber eine andere Fahne trugen, und begannen, aufeinander einzudreschen. Doch in Frankreich wird wohl ein bisher unbekannter Charakterzug hervortreten: Die Hooligans haben angefangen, nachzudenken. Oder zumindest denken sie das.

Hooligans in Europa agitieren seit einiger Zeit gegen den Islam und Überfremdung. In Deutschland formierten sich im Herbst 2014 die Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa). Der Zeitgeist der Bewegung lässt sich auch an Pride France erkennen: Gute Verbindungen unterhält die Marke zu einschlägigen deutschen und russischen Nazi-Labels. Man trifft sich zudem regelmäßig auf Kampfsportturnieren. Viele von ihnen sind keine besoffenen Hauer mehr, bierlaunig und dickbauchig, sondern an Boxsäcken getrimmte Ringkämpfer.

30 Leute reichen, um über 800 andere einzuschüchtern

Robert Claus arbeitet für die Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFas). „Die Agitation gegen den Islam ist die Klammer der rechten Bewegung“, sagt er. Einiges hinge damit zusammen, wie weit die Türkei kommt. Es werde interessant zu beobachten sein, was abseits der Fanmeilen in Deutschland passiert. Nach dem Halbfinal-Aus 2006 wurden vereinzelt auch italienische Restaurants angegriffen. Dieses Mal könnten es Dönerläden oder noch mehr Flüchtlingsheime sein.

Die Hooligans traten zuletzt ohnehin immer offener auf: In Brüssel stürmte ein Mob die Trauerfeier für die Opfer der Terroranschläge. Es war vor allem eine Machtdemonstration. Sie störten sich an der politisch korrekten Trauer. Die Hooligans wollten, im Gegensatz zu Teilen der Bevölkerung, den Islam pauschal in Haftung nehmen. In Deutschland sicherten sie Pegida- und Legida-Demonstrationen. In Bundesliga-Fankurven ringen sie mit Ultras um die Macht. Es passt ihnen nicht, dass Ultras gegen Homophobie sind und für Toleranz werben. In Dortmund gründete sich vor Kurzem eine neue Gruppe: 0231 Riot.  Über die neuen Schläger sagte ein BVB-Fan zu Spiegel Online: „Ja, es ist möglich, dass 30 Leute 870 einschüchtern.“

Die rechte Hooligan-Band Kategorie C veröffentliche vor Kurzem fünf neue Lieder. EM-Songs für Schläger. Vor jedem Turnier brüllten sie einen Abgesang auf Spieler wie Gomez und Özil. In einem Stück heißt es: „Nach Frankreich fahren wir nur auf Ketten!“ In einem anderen grölen die Bremer Fremdenfeinde: „Ein Hoch auf die Mannschaft, ein hoch auf dieses Land, mir kommt gleich das Kotzen von diesem Affentanz. Nationalmannschaft – Ruhe in Frieden.“ Diese Männer wollen Boateng nicht als Nachbarn haben.

Dabei ist der Weg nach Frankreich gerade für deutsche Hooligans die Reise zurück an den schlimmsten Tatort deutscher Fußballfans. Vor 16 Jahren prügelten deutsche Hooligans nach dem 2:2 gegen Jugoslawien in Lens den französischen Polizisten Daniel Nivel innerhalb von zwei Minuten ins Koma. Nivel wird bis an sein Lebensende schwerbehindert bleiben. Der DFB gründete eine Stiftung, die Täter sind wieder frei. Deutschland wird allerdings nicht wieder in Lens spielen. Vor Gericht versuchte sich einer der Schläger an einer Erklärung für den Wahn: „Vielleicht war es der Frust, weil die Polizei so hermetisch abgeriegelt hat. Es war halt nicht geplant. Es war, als ob man gegen einen Fußball treten würde.“

Auch in diesem Jahr werden die Städte massiv gesichert sein. Frankreich ist im Ausnahmezustand. Das könnte manche Hooligans abschrecken. Viele Szenekämpfe finden in Wäldern statt, weil dort niemand stört. Man bleibt unter sich. Videos von den Gewerkschaftsprotesten im Mai zeigen aber auch enthemmte Schläger unter den Polizisten. Am Ende könnte zu viel Polizeipräsenz der Ansporn sein, loszuschlagen. Niemand der Szenekenner möchte das öffentlich einschätzen.

Vorhersagen wie beim Wetter

Deshalb sind die Behörden besonders sensibel. Das Bundeskriminalamt (BKA) warnte vor der EM immer wieder vor beiden: Islamistischem Terror und Hooligan-Angriffen. In Deutschland kümmert sich die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (Zis) um Hooligans. Uwe Ganz wird ein Team von insgesamt acht Beamten leiten, die überwiegend als szenekundige Beamte (SKB) in Deutschland tätig sind. „Es ist ein bisschen wie die Wettervorhersage: Je näher das Ereignis rückt, desto genauer können wir einschätzen, was die Hooligans vorhaben“, sagt Ganz.

Momentan gäbe es nicht viel Neues zu melden. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Hooligans auch in großer Zahl anreisen werden“, sagt Ganz. Manchmal entscheiden sich Hools auch sehr spontan für eine Fahrt. Frankreich ist schnell erreicht. Die Deutschen gelten mit den Polen, Ungarn, Schweden und Engländern als die gefährlichsten bei diesem Turnier. Viele Hools aus Europa werden auf dem Weg nach Frankreich an deutschen Rasthöfen anhalten. „Wir werden das beobachten“, sagt Ganz, „haben aber keine konkreten Hinweise auf abgesprochene Rasthof-Schlägereien.“

Einige Hooligans wurden bereits ermahnt

Die Zis warnte bereits einige einschlägig bekannte Hooligans in Gefährderansprachen: Die Beamten machten ihnen klar, dass sie beobachtet werden. Zudem übermittelten die deutschen Behörden ihren digitalen Hooligan-Karteikasten, die umstrittene Datei Gewalttäter Sport, an die französischen Kollegen. In Frankreich wurde bereits 2009 die DNLH gegründet. Eine Einheit, die sich nur um Hooligan-Gewalt kümmert. Deren Leiter, Antoine Boutonnet, sagte der Tageszeitung Le Monde, dass man bereits 2200 verdächtigen Fans die Einreise verwehrt habe. Die Zahl werde aber noch auf über 3000 steigen.

Schon in den beiden vergangenen Nächten zogen englische Fans durch Marseille, wo etwa 200.000 Muslime leben, prügelten sich mit französischen Jugendlichen und brüllten: „Isis – Where are you?“. Die Hooligans haben ihren Feind gefunden. Am Samstag tritt England gegen Russland an, ein Riskospiel. Im Fokus der Beamten steht auch das deutsche Vorrundenspiel gegen Polen am kommenden Donnerstag. Schon in der Qualifikation zur EM kam es beim Hin-und Rückspiel zu kleineren Scharmützeln. Die osteuropäischen Schläger gelten als sportliche Gegner.

Quelle: 11. Juni 2016, Zeit Online

 

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