Ultras bekennen sich zu Krawallen: Warum sie den Abbruch wollten

Von Martin Herms

Saint-Étienne. Die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich ist um einen weiteren Eklat reicher. Nachdem vor einigen Tagen russische, englische und deutsche Hooligans randaliert hatten, waren es nun kroatische Fußball-Anhänger, die im zweiten Gruppenspiel gegen Tschechien (2:2) für einen Skandal sorgten.

Der Skandal wird zur Staatsaffäre, die Angst vor dem Ausschluss wächst: Nachdem die eigenen Fans der kroatischen Nationalmannschaft auf dem Weg zum EM-Mitfavoriten brutal in den Rücken gefallen sind, ist das ganze Land in Aufruhr. Sogar das Staatsoberhaupt ächtete die Krawallmacher von Saint-Étienne. „Das sind Staatsfeinde, die ihre Mannschaft und ihr Land hassen“, sagte Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic: „Schämt euch!“

Inzwischen hat sich die berüchtigte Hooligan-Gruppierung „Bad Blue Boys“ von Dinamo Zagreb zu den Krawallen im kroatischen Block bekannt. Via Facebook gab es folgende Erklärung: “ (…) So lange es Hooligans in den Logen gibt, wird es auch Hooligans auf den Tribünen geben. Ihr kritisiert nun die Boys, Torcida, Armada und andere Fans, aber das sind die einzigen, die für Gerechtigkeit im kroatischen Fußball kämpfen, damit alles fair und gerecht wird. (…)“

Die Europäische Fußball-Union (UEFA) hat die Krawalle „nachdrücklich verurteilt“, die Disziplinarkommission eröffnete ein Verfahren gegen den Verband HNS. Der Fall wird am Montag verhandelt.Zur Last gelegt werden den Kroaten das „Zünden von Feuerwerkskörpern, Werfen von Objekten, Zuschauerausschreitungen sowie rassistisches Verhalten“. In den kroatischen Medien wird bereits über einen Ausschluss des „Wiederholungstäters“ spekuliert, da die Liste der Verfehlungen mittlerweile einfach zu lang ist.

Das Fass könnte nach einer Vielzahl von Vergehen in der jüngsten Vergangenheit (Rassismus, Faschismus, Pyrotechnik) tatsächlich übergelaufen sein – auch wenn Verbandsboss Davor Suker (noch) nicht daran glauben will. „Sie werden uns nicht rauswerfen“, sagte der 48-Jährige, der auch im UEFA-Exekutivkomitee sitzt. Allerdings haben die bisherigen Sanktionen (mehrere Geldstrafen in sechsstelliger Höhe und Platzsperren) ganz offensichtlich nicht gefruchtet.
Das Achtelfinale war zum Greifen nahe

Die 86. Minute im Spiel zwischen Kroatien und Tschechien sorgte für kollektives Kopfschütteln. Nicht nur bei den Zuschauern vor dem Fernsehern, sondern vor allem bei den Spielern der kroatischen Nationalmannschaft. Mit 2:1 führten die „Schachbretter“ zu diesem Zeitpunkt nach einer erneut überzeugenden Vorstellung gegen die Tschechen. Der vorzeitige Einzug in das Achtelfinale war zum Greifen nahe. Mit ansehnlichem Offensivfußball hatten sich Ivan Rakitic und Co. große Sympathien verschafft. Ausgerechnet die eigenen Anhänger machten diesen positiven Eindruck mit einer unfassbaren Aktion zunichte.

Aus dem Fanblock der Kroaten flogen Bengalos und Feuerwerkskörper. Ein Ordner wurde dabei getroffen. Auf den Rängen prügelten sich Fans untereinander. Es waren hässliche Szenen, die sich im Stadion von Saint Etienne abspielten. Für Kenner der kroatischen Fußballszene kamen sie jedoch nicht überraschend. Im von Korruptionen und Skandalen erschütterten Fußball-Land Kroatien sind diese Vorfälle nicht ungewöhnlich. Die Wut richtet sich vor allem gegen den Präsidenten des Serienmeisters Zdravko Mamic, der im November 2015 wegen wiederholten Veruntreuungsversuchen festgenommen wurde, mittlerweile aber wieder auf freiem Fuß ist.

Nun haben einige Chaoten die große Bühne bei der EM genutzt, um auf die Missstände in ihrem Land aufmerksam zu machen. Gelungen ist ihnen das durchaus, allerdings auf eine Weise, die nicht tolerierbar ist. „Die Fans haben ein Problem mit dem Verband. Allerdings kann es nicht sein, dass so etwas bei einem EM-Spiel passiert“, sagte der ehemalige kroatische Nationalspieler Ivan Klasnic nach dem Spiel im ZDF.
Ausschreitungen angekündigt

Die Ausschreitungen wurden offenbar im Vorfeld angekündigt. Wie das kroatische Internetportal „24 sata“ berichtet, wollten mehrere Ultra-Gruppierungen das Spiel sabotieren und einen Spielabbruch erwirken. Im Internet hatte es entsprechende Aufrufe gegeben. Auch dem kroatischen Fußballverband (HNS) lagen entsprechende Informationen vor. Maßnahmen wurden jedoch nicht ergriffen, „um nicht weiteres Öl ins Feuer zu gießen.“ An der slowenischen Grenze konnten einige berüchtigte Hooligans der beiden größten Vereine Hajduk Split und Dinamo Zagreb an der Ausreise gehindert werden. Einige Anhänger haben es aber doch nach Frankreich geschafft und das Unheil nahm seinen Lauf.

Den Verband erwartet nun eine empfindliche Strafe durch die UEFA. Der Imageschaden, den Kroatien durch diese Aktion der Fans erlitten hat, dürfte noch viel schwerwiegender sein. Das Spiel endete 2:2. Tschechien erzielte in der Nachspielzeit den Ausgleich. (mit sid)

Quelle: WAZ, 18. Juni 2016

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